In die Tiefe

Jana Bernhard: „Der Fußball steckt in einem Transformationsprozess.“

Jana Bernhard ist Geschäftsführerin der Initiative FUSSBALL KANN MEHR. Diese setzt sich für mehr Geschlechtergerechtigkeit und Diversität im Fußball ein. Im Interview erzählt sie, wie und warum das erreicht werden soll.

Jana Bernhard ist Geschäftsführerin der Initiative FUSSBALL KANN MEHR. Die Initiative wurde im Mai 2021 von neun Frauen mit dem Ziel gegründet, mehr Geschlechtergerechtigkeit und Diversität in den Fußball zu bringen. Im Interview spricht Jana Bernhard darüber, wie mehr Frauen in den Fußball integriert werden sollen und warum mehr Geschlechtergerechtigkeit und Diversität notwendig ist.

Wofür steht FUSSBALL KANN MEHR?

Wir sind eine Netzwerk-Organisation, die sich unter anderem für Geschlechtergerechtigkeit und Diversität im Fußball einsetzt. Dafür kooperieren wir mit allen Vereinen, Organisationen oder Menschen, die sich dafür engagieren wollen. Wir bieten Unterstützung für Frauen im Fußball, aber auch Angebote für Clubs oder Unternehmen, die Diversität im Fußball für notwendig erachten.

Wie bist du zu FUSSBALL KANN MEHR gekommen?

Über Katja Kraus, die Initiatorin und über die neun Frauen, die sich für diese Initiative zusammengetan haben. Ich arbeite seit über 15 Jahren im Sport und kannte davor schon einige der Frauen über meine berufliche Karriere. Wir haben uns zusammengefunden, weil wir uns alle Veränderungen im deutschen Fußball wünschen.

Würdest du dich somit als Aktivistin im Fußball bezeichnen?

Ich kann mit dem Begriff Aktivistin nicht so viel anfangen. Für mich sind Aktivist*innen eher Menschen, die sich auch öffentlich zu einer Sache bekennen und auch zu Demonstrationen gehen. Für uns bei FUSSBALL KANN MEHR ist es wichtig, die Veränderung, die aus unserer Sicht notwendig ist, mitzugestalten.

Warum ist das notwendig?

Weil die Führungsstrukturen im Fußball und gerade auch in Deutschland sehr einseitig geprägt sind. Es sind primär Männer in diesen Funktionen tätig und sieht man sich den gesellschaftlichen Wandel an und die Themen, die Menschen bewegen, ist das nicht mehr zeitgemäß. Außerdem werden in homogenen Gruppen Entscheidungen viel eindimensionaler getroffen als in heterogenen Gruppen, die aus unterschiedlichen Geschlechtern und Diversitätsdimensionen zusammengesetzt sind.

Auf eurer Homepage steht, dass es verschiedene Ziele gibt. Eines ist zum Beispiel, die Frauenquote in Aufsichtsräten und Gremien auf mindestens 30% zu bringen. Wie wollt ihr diese Ziele erreichen?

Nachdem wir zu Beginn eine Initiative von neun Frauen waren, die aber keine Organisationsstruktur oder Ressourcen hatte, haben wir zu Beginn dieses Jahres eine gemeinnützige GmbH gegründet. Mit dieser haben wir Kooperationen mit dem VfB Stuttgart, SV Werder Bremen, mit Hertha BSC und auch mit Eintracht Frankfurt geschlossen. Diese Vereine unterstützen wir dabei, ihre Diversitäts-Ziele zu definieren, diese zu kommunizieren und unterstützende Maßnahmen auch umzusetzen. Zudem kooperieren wir mit Sky und haben gemeinsam bereits ein Kommentatorinnen-Scouting durchgeführt.

Aber im Endeffekt hängt es dann von den Clubs ab, ob diese Ziele und Veränderungen erreicht werden.

Wir haben ein digitales Netzwerk – WIR KÖNNEN MEHR – kreiert. Darüber bringen wir Menschen, die wie wir der Meinung sind, dass Fußball mehr kann, miteinander in den Austausch. Wir unterstützen aktive Fußballspielerinnen, die im Fußballfeld arbeiten wollen mit Stipendien im Bildungsbereich, zum Beispiel im Sportmanagement oder in der Sportwissenschaft. Das sind zusammengefasst unsere drei Säulen: Diese digitale Netzwerk-Plattform, die Kooperationen mit Clubs und das Angebot von Stipendien.

Viele Ziele sind bis 2024 gesteckt, das ist nicht mehr so lange hin. Gibt es Ziele, die schon erreicht sind oder fast erreicht sind?

Erreicht noch nicht, aber es gibt Fortschritte. Unsere Ziele sind hochgesteckt und genau deswegen ist es so wichtig, dass wir jetzt diese Schritte mit den Clubs gehen, um im ganzen System Veränderungen zu erreichen. Gerade in der Besetzung von Aufsichtspositionen merken wir schon eine Veränderung, da wurden dieses Jahr bereits einige Positionen mit Frauen besetzt. Ich würde sagen, das Momentum ist da und wir machen kleine Schritte nach vorne.

Es geht bei FUSSBALL KANN MEHR sehr viel um Gleichberechtigung und Frauen im Fußball. Was würdest du einer ambitionierten, jungen Frau sagen, die in den Fußball einsteigen möchte?

Zunächst würde ich sie motivieren. Im nächsten Schritt ist es wichtig, sich ein Netzwerk zu bilden und Sparringpartner*innen zu finden, die einen auf dem Weg begleitet. Für mich gibt es keinen Grund, warum Frauen im Vergleich zu einem Mann nicht die Fähigkeit haben sollten, im Fußball zu arbeiten.

Viele sind bestimmt eingeschüchtert. Auch, weil sich viele die Funktionäre als vielleicht ältere, dominant wirkende Männer vorstellen.

Genau darum geht es, dass wir dieses Außenbild, die Ausstrahlung des Fußballs verändern. Solche Vorstellungen sollten nicht mehr vorhanden sein. Wir versuchen Schritt für Schritt, Dinge zu verändern. Darum ist das, was wir machen so wichtig.

Was können Männer tun, damit sich Frauen wohler fühlen im Berufsfeld Fußball?

Männer können ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass die Frau bei ihnen im Büro vielleicht die einzige Frau ist und damit entsprechend umgehen. Das heißt, mit dieser Frau oder Person, die in der Minderheit ist, in den Dialog treten, deren Sichtweisen hören und Strukturen schaffen, die Andersartigkeit zulassen.

Und welche Strukturen wären das?

Zunächst geht es sehr viel um Verhaltensweisen. Beispielsweise können Männer die Frau ansprechen und sagen: „Was ist denn deine Meinung?“ Und die Antwort annehmen, insbesondere wenn dadurch eine neue Sichtweise mit ins Spiel kommt. Ein weiterer Punkt ist, junge Frauen in Organisationen sichtbar zu machen, sie auf ihrem Weg zu begleiten und zu befördern. Es ist ebenfalls wichtig, andere Männer, die sich in bestimmten Situationen falsch verhalten, darauf hinzuweisen. Ich glaube, es gibt viele Dinge die Männer im Bereich Diversität tun können, vor allem weil ein positiveres Arbeitsklima entsteht, eine bessere Kultur geschaffen und auch bessere Ergebnisse erzielt werden. Es geht auch darum, Veränderungen sichtbar zu machen.

Wie würdest du die Lage, in der der Fußball gerade steckt, beschreiben?

Ich glaube, der Fußball steckt in einem großen Transformationsprozess. Ich finde es positiv, dass die DFL als Liga-Organisation Kriterien in die Lizenzierung aufgenommen hat, durch die Nachhaltigkeit ein höheres Gewicht kriegt. Man könnte gerne noch stärker messbare Ziele setzen innerhalb der drei Kriterien Ökonomie, Ökologie und Soziales. Aber es ist ein erster Schritt. Ansonsten sind die großen Fragen des Fußballs auf einer globalen Ebene zu diskutieren. Da ist es notwendig, sehr viele Dinge zu differenzieren. Darunter fallen viele Fragestellungen, die gerade aufkommen, zum Beispiel welche Verantwortung der Fußball für die Gesellschaft hat, welche Aufgaben die Vereine und Verbände dabei haben oder wie wir den Leistungssport weiter entwickeln wollen. Dazu kommen die Fragen, wie wir in Deutschland mit der 50+1 Regel umgehen oder was mit der Super League passiert. Es gibt viele Themen.

Würdest du sagen, dass der Fußball zu kommerziell ist?

Ich finde es schwierig zu sagen, der Fußball ist zu kommerziell. Er ist kommerziell und schafft dadurch auch sehr viel. Arbeitsplätze zum Beispiel. Deshalb ist diese Diskussion für mich keine zielführende. Wir haben eine Ausgangslage mit der wir arbeiten sollten und uns ehrlich fragen, in welche Richtung wir perspektivisch gehen wollen. Im Fußball ist sicher darauf zu achten, dass wir die Distanz zur Basis nicht weiter verlieren und der Breitensport weiter gefördert wird.

Was würdest du dir langfristig von den verantwortungstragenden Verbänden wünschen?

Auf jeden Fall, dass es diversere Führungskräfte gibt und diese differenziertere Entscheidungen treffen, die transparent nach außen kommuniziert werden. Und es wäre wichtig, den Fokus auf die Nachhaltigkeits-Dimensionen zu legen und messbare Ziele zu formulieren.

Vielen Leuten gefällt die Richtung, in die der Fußball geht nicht. Gleichzeitig denken einige, sie könnten alleine nichts verändern. Würdest du das so unterschreiben oder kann man als Einzelne*r vielleicht doch etwas verändern?

Ich glaube, wenn man etwas verändern möchte, dann kann und sollte man auch aktiv werden. Insbesondere aufgrund der Vereinsstrukturen im deutschen Fußball ist es so, dass man mit einer Mitgliedschaft im Verein dort auch ein Stimmrecht hat. Dieses kann man nutzen, sowohl bei Wahlen als auch bei Gesprächen mit anderen Vereinsangehörigen.

Bildcredits: FUSSBALL KANN MEHR

Dieser Text ist Teil unseres Katar-Specials, in dem wir Menschen vorstellen, die sich für einen neuen Fußball einsetzen. Mehr Infos dazu gibt es hier.

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