In die Tiefe

Union Berlin am Scheideweg – Das Versagen der Vereinsdemokratie 

Raphael Molter fordert in der Diskussion um 2G bei Union Berlin mehr Basisdemokratie. Er kommentiert: "Was wir in Berlin-Köpenick erleben, ist exemplarisch für den deutschen Profifußball und seine demokratischen Strukturen." Auch andere Klubs hätten dieses Problem.

Mitglieder werden außen vor gelassen

Das Präsidium und insbesondere der Präsident haben mit ihrem Verhalten seit Beginn der Pandemie aufgezeigt, an was es in der Vereinsdemokratie fehlt: die inhaltliche Einbeziehung der Mitglieder. Seit Beginn des öffentlichen Wischi-Waschis des Vereins gibt es Kritik aus den eigenen Reihen. Meist nur über Twitter mitgeteilt und nicht repräsentativ, aber eben öffentlichkeitswirksam. Darüber hinaus gibt es mittlerweile offensichtlich eine Mehrheit im Verein, die das Verhalten des Präsidiums infrage stellt und die jüngsten Ereignisse negativ aufnimmt. Eigentlich müsste es dann doch aber in einem eingetragenen Verein, der sich demokratischen Strukturen unterwerfen muss, möglich sein, Einfluss zu nehmen? Warum kommt die Kritik von außen und wieso ändert sich innen nichts?

Wer solche Fragen stellt, wird gerne und schnell als Idealist abgestempelt, der wenig mit der Realität zu tun hat und ja, es braucht Idealismus, um zu kritisieren und den Willen zur Veränderung aufzubringen. Aber ist das so schlimm? Wir erleben momentan einen erneuten Angriff auf die 50+1 Regelung auf mitgliedergeführte Vereine und die Vereinsdemokratie. Daran anschließend werden Investorenübernahmen bei einem englischen Verein gefeiert und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga unter die Lupe genommen. Ein Spiel, das Fans nur verlieren können. Was es braucht, ist eine kritische Beleuchtung jeder Handlung von Funktionär:innen eines Vereins. Dazu gehört der momentan stattfindende Ausverkauf beim SC Freiburg (Glückwunsch zum Europa-Park Stadion), aber eben auch der Blick auf die vereinsinternen Strukturen bei einer solch lang anhaltenden »Miss«-Kommunikation von Union Berlin. Einzelne Personen sind nie alleine an einer Entwicklung schuld und wer das denken möchte, der lasse sich doch bitte einfach von der Hoffnung tragen, dass die DFL zu Beginn des nächsten Jahres eine neue Chefin bekommt und allein dadurch alles besser mögen würde. 

Es geht erstmal um Geld, für alle

Für alle anderen fängt die Reise zur Vereinsdemokratie im deutschen Profifußball jetzt an, denn die Erklärung für das Verhalten der Unioner Führung lässt sich in der Organisiertheit des Vereins finden. Grundsätzlich zeigt sich in der deutschen Fankultur noch immer der Gegensatz zwischen Investorenfußball und mitgliedergeführten Vereinen, also die Ablehnung von Leipzig, Wolfsburg und Hoffenheim auf der einen und eindeutig mitgliedergeführten Vereinen wie eben Union und Freiburg auf der anderen Seite. Was in diesem Gegensatz entsteht, ist die Hoffnung, gebaut auf diesen letzten Bastionen des »normalen« Fußballs, der sich an uns Fans orientiert und nicht am Geschäft. Nur fällt es leider schwer zu erkennen, dass dem nicht so einfach ist. Profifußball findet in einem Konstrukt statt, dass für alle Vereine gleich ist und nach nichts anderem funktioniert, was wir alle aus unserem Alltag her kennen: Es geht erstmal um Geld. Ohne Geld kein Erfolg, ohne Geld kein sportliches Überleben. 

In einer solchen Struktur müssen auch mitgliedergeführte Vereine Entscheidungen treffen, die einem Großteil seiner Mitglieder nicht gefallen: Das wird zur Natur der Sache. Keiner von uns mag werbefinanzierte Ecken und Tore, die auf ein Fleischwurstunternehmen verweisen, aber wenn sonst die Kohle zum Spielen fehlt, muss man sich diesen Sachzwängen beugen. Was aus dieser den Fußball umgebenden Struktur allerdings folgt, ist eine kritische Perspektive auf die Vereinsdemokratie solcher Profi-Vereine. Denn, wo sich Profitorientierung und Faninteresse treffen, gibt es grundsätzliche Konflikte, die ein Profi-Verein umgehen muss. Was die Faninteressen sind, hat eine Studie des FC FairPlay e.V. vor vier Jahren mal herausgearbeitet und die Ergebnisse sind eindeutig: Eine knappe Mehrheit überlegt, sich wegen der Kommerzialisierung vom Fußball ganz abzuwenden und über 80 Prozent sehen einen Fußball, der sich nur noch aufs Geld konzentriert. Für einen Profi-Verein mit demokratischen Strukturen tut sich hier ein Konfliktpotential auf, dass es zu vermeiden gilt, will man erfolgreich Fußball spielen. 

Der Einfluss der Fans ist eingeschränkt

Was sich daraus an Konsequenzen in der demokratischen Organisiertheit der mitgliedergeführten Vereine ergibt, lässt sich nun gut bei Union nachvollziehen, denn wie bei den meisten anderen solcher Vereine lässt auch Union nur eine gemäßigt-demokratische Struktur zu, die die Trennung zwischen Wählenden und Entscheider:innen schafft. Anders gesagt: klassische repräsentative Demokratie. Wir alle wählen einige wenige Personen, die für einen bestimmten Zeitraum frei entscheiden dürfen. Eine demokratisch legitimierte Oligarchie, denn wo nur wenige Personen herrschen, haben nicht alle die Macht. Bei Fußballvereinen fällt diese Macht vornehmlich auf das gewählte Präsidium, das in einem bestimmten Zeitraum relativ autonom entscheiden kann, was im Verein geschieht. Der Einfluss der Fans zwischen den Wahlen von Führungsgruppen ist auf die jährlich stattfindenden Mitgliederversammlungen eingeschränkt, wo Satzungsänderungen und damit generelle Ausrichtungen bestimmt werden können und mit erheblichen Hürden auch das Führungspersonal ausgewechselt werden könnte. 

Sollten nicht alle Mitglieder in die Entscheidungen des Vereins, ob 2G oder 3G, eingespannt sein?

Raphael Molter

All das erschwert bereits eine lebendige demokratische Organisiertheit eines Vereins, denn wo nur partiell und beschwerlich demokratische Teilhabe für alle Mitglieder möglich ist, kann sich auch ein demokratisches Bewusstsein nur teilweise bilden. Man stelle sich nur vor, ein Verein wäre basis-demokratisch organisiert und alle Entscheidungen müssten bei allen Mitgliedern getroffen werden: Natürlich würde das zeitlich lange dauern und natürlich würde das im modernen Geschäft Profifußball alles andere erschweren, aber sollte das nicht das Ziel sein? Demokratische Vereine mit einer wirklichen Einbindung aller Menschen, die sich als Teil des Vereins verstehen? Sollten nicht alle Union-Mitglieder in die Entscheidungen des Vereins, ob 2G oder 3G, eingespannt sein? Welche Begründung außerhalb der Effizienz gibt es, dass nur wenige Personen – für einen gesamten Verein mit mehr als 35 000 Mitgliedern – diese Entscheidungen treffen dürfen? 

Dieser vermeintliche Idealismus kann den Blick auf die Probleme der Vereinsdemokratie aufdecken und er vermittelt dessen Probleme, die bei solchen Ereignissen mitberücksichtigt werden müssen. Darüber hinaus hat das Präsidium von Union Berlin auch aufgezeigt, wie man selbst momentan bestehende demokratische Rechte von Mitgliedern weiter sukzessive einschränkt. Vor einem knappen Monat, am 14. September 2021, beschloss das Präsidium, einen sogenannten Sitzungsausschuss einzuberufen, dessen Aufgabe es ist, die Sitzung nicht nur eigenständig weiterzuentwickeln, sondern auch die Satzungsänderungsanträge von Mitgliedern für eine Mitgliederversammlung zuzulassen oder abzulehnen. Richtig gelesen, ein von oben eingeführtes Kontrollorgan, dass die demokratische Teilhabe erschwert. Der Verein argumentiert zwar mit dem Satzungsausschuss als eine durchlässige Institution, aber der Blick auf die Zusammensetzung spricht Bände. Nur vier Mitglieder des Ausschusses kommen indirekt aus den Teilen der Fans, der Rest setzt sich aus Präsidiums- und Aufsichtsratmitgliedern zusammen oder gar aus Menschen, die im Verein auf Fußballebene arbeiten. Die Rückführung auf die demokratische Teilnahme der Mitglieder ist so wenig gegeben, wie die europäische Kommission oder der Rat der EU demokratische Institutionen sein können, wenn sie doch nicht mal gewählt werden können. 

Das ist der Kern des Problems, denn wir bei Union momentan erleben und der den Blick auf den Profifußball aus demokratischer Sicht so schwierig macht. Das Führungspersonal bei mitgliedergeführten Vereinen ist schwierig einzufangen und die demokratische Kontrolle ist nicht im Ansatz so vorhanden, wie man es sich wünschen würde. Der Kampf für mehr Mitbestimmung und demokratische Teilhabe endet nicht bei den RB Leipzigs dieser Welt, er muss auch in solchen vermeintlichen Bastionen des normalen Fußballs geführt werden. 

Foto: Matthias Berg, flickr.com

4 Kommentare zu “Union Berlin am Scheideweg – Das Versagen der Vereinsdemokratie 

  1. Die hier angeführte „medizinische Notwendigkeit“ für eine Impfung ist noch immer ein Kriterium, das genau so auf Wissen wie auf Nichtwissen beruht. Wenn die Vereinsführung möglichst an 3G festhalten will, so liegt darin gerade eine basisdemokratische Idee, die darauf beruht, dass eine Teilnahme möglichst allen Fans und Mitgliedern möglich sein soll – und die Tatsache, dass eine Mehrheit eine Minderheit majorisieren möchte, läuft der Basisdemokratie eben gerade zuwider.
    Fair wäre auch, es würde festgehalten, dass Union Berlin von allen Bundesligavereinen den grössten Aufwand betrieben hat, um früher als alle andern Zuschauer an Bundesligaspielen wieder möglich zu machen.
    Für mich ist eine agierende Führung, welche auf die ständig wechselnden Wasserstandsmeldungen der Politik angemessen zu reagieren versucht, sehr viel lieber als eine Mehrheit, die eine Minderheit verunglimpfend in eine Ecke stellt.

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    • Dieser Kommentar ist leider voller Falschaussagen. Hätte der Verein den größten Aufwand aller Bundesligisten betrieben, wären intelligente Umsetzungskonzepte längst Realität. Stattdessen suchte man den Ausweg in sinnlosen Forderungen, damit hinterher ein externer Prügelknabe gefunden werden konnte.
      Wer genau Mehrheit und wer Minderheit ist, und vor allem in welchem Kontext, das würde ich auch gern einmal erläutert bekommen.
      Für mich ein Artikel, der die aktuelle Sachlage ziemlich gut auf den Punkt bringt. Und das sage ich als Vereinsmitglied, Dauerkarteninhaber und bedingungsloser Fan der Eisernen.

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  2. Und wieder wird in einem Artikel die Wurzel des ganzen Übels völlig ignoriert. Nicht die Haltung des 1.FC Union ist das Problem, sondern, dass wir uns immer noch mit diesen Schwachsinnsregelungen herumschlagen müssen. Auch mit 3G wäre eine Vollauslastung des Stadions problemlos möglich, wie in anderen Bundesländern oder z. B. morgen in Rotterdamm gezeigt. Im Prinzip geht es aber auch ganz ohne irgendwelche G’s, was uns auch bereits von mehreren Ländern (Dänemark, Portugal, Schweden) vorgemacht wird.

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  3. Karlshorster

    Du meine Fresse, was für ein Lügentext vom ersten bis zum letzten Wort. Billiger Versuch einen Verein in den Dreck zu ziehen, der gegen den Strom schwimmt. Aber macht mal, das wurde schon zu Ostzeiten erfolglos versucht.

    Die angepassten Spinner in den asozialen Medien stehen übrigens nicht für die Mehrheit der Unioner. Wer das glaubt hat schlicht keine Ahnung. In unserem Forum hat der Artikel übrigens ausschließlich Dislikes kassiert und kein einizges Like. Aber nicht traurig sein, ihr könnt euch ja an die „Twitter-Unioner“ klammern. 😀

    Auch wenn es nicht in euer Weltbild passt, die Masse der Unioner steht klar hinter Zingler. Der Mann ist selber ein Leben lang Unioner und weiß genau, wie wir ticken. Wir sind schon immer unseren eigenen Weg gegangen, auch wenn das nicht in die schöne neue 2G-Fußballwelt der Bonzen passt. Unioner lassen sich nicht spalten.

    Um es mit dem kürzlich gezeigten Banner zu sagen: Schluss mit allen Maßnahmen!

    Eisern.

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