In die Tiefe

Union Berlin am Scheideweg – Das Versagen der Vereinsdemokratie 

Raphael Molter fordert in der Diskussion um 2G bei Union Berlin mehr Basisdemokratie. Er kommentiert: "Was wir in Berlin-Köpenick erleben, ist exemplarisch für den deutschen Profifußball und seine demokratischen Strukturen." Auch andere Klubs hätten dieses Problem.

Dieser Kommentar ist ein Gastbeitrag von Raphael Molter. Er ist Autor, Freier Journalist und betreibt nebenbei den Podcastbeyond the ball„, in dem er sich politischen und gesellschaftlichen Aspekten des Sports widmet.

Am zwölften Oktober 2021 schießt sich das Präsidium des Erstligisten aus Köpenick zum wiederholten Male ans Bein. Was eigentlich nur berühmten Rappern aus Offenbach passiert, schafft der Berliner Fußballverein nun seit über einem Jahr in den Reaktionen und Entscheidungen hinsichtlich der Pandemie und den daraus folgenden Einschränkungen im Stadion. Nachdem nicht nur Fußballvereine aus anderen Bundesländern auf die mutmaßliche Königslösung 2G umgestellt haben, sondern auch der Berliner Eishockeyverein aufzeigt, was möglich ist, bröckelt die Unterstützung für Unions konsequentes Festhalten an 3G. 

Das Land Berlin beschloss bereits am fünften Oktober eine Präzisierung der 2G-Option, die viele – davor legitime – Kritikpunkte klärte. Der Umgang mit Ungeimpften, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können, ist gelockert und auch die kurzzeitige Aussperrung von Kindern unter zwölf Jahren wurde aufgehoben. Damit ermöglicht der Berliner Senat Veranstaltern einen erheblichen Spielraum auf Vollauslastung, bei der nur Menschen unter die Räder kommen, die sich absichtlich und ohne medizinische Notwendigkeit nicht impfen lassen wollen. In Zeiten einer immer noch vorhandenen Pandemie und einer mutmaßlichen vierten Welle innerhalb des ungeimpften Teils der Bevölkerung die einzige Möglichkeit, Normalität herzustellen. 

Was zu Beginn der Pandemie danach klang, als wolle man – koste es, was es wolle – das Stadion wieder vollmachen, ist mittlerweile einem weinerlichen Singsang nach Solidarität für umgeimpfte Menschen gewichen.

Raphael Molter

Und genau diese Normalität forderte der Fußballverein aus dem Berlin-Köpenick seit Beginn der Pandemie auch ein. Am letzten Spieltag der Saison 2020/21 hieß es von Unions Präsidenten Dirk Zingler: »Der 1. FC Union Berlin ist organisatorisch bereit, alles in seiner Kraft stehende zu tun, um in seinem Stadion so bald wie möglich wieder Menschen ohne Abstand zueinander zu empfangen. Der einfache Weg war für Union noch nie eine Option.« Diese einfache Option sucht man wohl bis heute nicht und gibt alles, um anzuecken und durch Einzelpositionen aufzufallen. Was zu Beginn der Pandemie danach klang, als wolle man – koste es, was es wolle – das Stadion wieder vollmachen, ist mittlerweile einem weinerlichen Singsang nach Solidarität für ungeimpfte Menschen gewichen. Wie gesagt: Menschen, die sich aus einer medizinischen Notwendigkeit heraus nicht impfen lassen können, sind mittlerweile von der 2G-Option der Berliner Landespolitik eingeschlosssen. Natürlich braucht es zur Teilnahme einen negativen PCR-Test und einen ärztlichen Nachweis, aber das wird für diesen geringen Anteil der Bevölkerung so oder so zur Normalität werden, wenn es das nicht bereits schon ist. 

Die Absage des Unioner Präsidiums geht allerdings nicht auf solche Hürden ein, sondern erklärt in dem Statement zur Beibehaltung der 3G-Regularien ausdrücklich, dass »die Hürde zur Teilnahme sehr hoch« sei und man aus einer vermeintlichen Solidarität heraus nicht ausschließen möchte. Dass Solidarität gegenüber einer Gruppe an Menschen, die sich aus persönlichen Gründen nicht impfen lassen möchte, eine Umkehrung des Begriffs in Zeiten einer Pandemie ist, sollte wohl selbsterklärend sein. Bloß nicht für ein Präsidium, was sich offensichtlich verrannt hat oder sich nicht eingestehen möchte, wem man durch solche Aussagen Tür und Tor geöffnet hat. 

Schweigen in der Försterei

Denn: Die externe Kommunikation des Vereins ist die eine Seite der Medaille, die Aufnahme von bestimmten Fans eine andere. Es reicht ein Blick auf die Facebook-Kommentare unter der Stellungnahme Unions, um zu verstehen, welche Personen sich davon angezogen fühlen und auch das findet nicht erst seit dem zwölften Oktober statt. Union Berlin findet sich bereits seit Beginn der Pandemie in einem politischen Spannungsfeld wieder, in dem die Verein-Statements von faschistischen und verschwörungsgläubigen Parteien und Gruppen eingenommen werden und man Union als einen Verein auf »ihrer Seite« wahrnimmt. Eigentlich eine hausgemachte Frechheit, bei der Union Berlin klar kommunizieren muss, um sich zu distanzieren. Stattdessen? Schweigen, nicht nur im Walde, sondern auch in der Försterei. 

Was wir in Berlin-Köpenick erleben, ist exemplarisch für den deutschen Profifußball und seine demokratischen Strukturen.

Raphael Molter

Noch besorgniserregender wird es an dem Punkt, an dem man nicht einfach nur der Unioner Vereinsführung die Schuld dafür gibt und einzelne Personen verantwortlich macht, sondern wo einem bewusst wird, dass es die internen Strukturen des eingetragenen Vereins sind, die solche Gedankengänge nach außen tragen und solch ein Fehlverhalten in der Reaktion hervorrufen. Es ist nämlich überraschenderweise nicht einfach das Problem eines »Kultvereins«, der auf der Suche nach Individualität den falschen Weg genommen hat. Was wir in Berlin-Köpenick erleben, ist exemplarisch für den deutschen Profifußball und seine demokratischen Strukturen. Und deshalb sollten auch Fans anderer Vereine darauf achten, was hier geschieht. 

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4 Kommentare zu “Union Berlin am Scheideweg – Das Versagen der Vereinsdemokratie 

  1. Die hier angeführte „medizinische Notwendigkeit“ für eine Impfung ist noch immer ein Kriterium, das genau so auf Wissen wie auf Nichtwissen beruht. Wenn die Vereinsführung möglichst an 3G festhalten will, so liegt darin gerade eine basisdemokratische Idee, die darauf beruht, dass eine Teilnahme möglichst allen Fans und Mitgliedern möglich sein soll – und die Tatsache, dass eine Mehrheit eine Minderheit majorisieren möchte, läuft der Basisdemokratie eben gerade zuwider.
    Fair wäre auch, es würde festgehalten, dass Union Berlin von allen Bundesligavereinen den grössten Aufwand betrieben hat, um früher als alle andern Zuschauer an Bundesligaspielen wieder möglich zu machen.
    Für mich ist eine agierende Führung, welche auf die ständig wechselnden Wasserstandsmeldungen der Politik angemessen zu reagieren versucht, sehr viel lieber als eine Mehrheit, die eine Minderheit verunglimpfend in eine Ecke stellt.

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    • Dieser Kommentar ist leider voller Falschaussagen. Hätte der Verein den größten Aufwand aller Bundesligisten betrieben, wären intelligente Umsetzungskonzepte längst Realität. Stattdessen suchte man den Ausweg in sinnlosen Forderungen, damit hinterher ein externer Prügelknabe gefunden werden konnte.
      Wer genau Mehrheit und wer Minderheit ist, und vor allem in welchem Kontext, das würde ich auch gern einmal erläutert bekommen.
      Für mich ein Artikel, der die aktuelle Sachlage ziemlich gut auf den Punkt bringt. Und das sage ich als Vereinsmitglied, Dauerkarteninhaber und bedingungsloser Fan der Eisernen.

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  2. Und wieder wird in einem Artikel die Wurzel des ganzen Übels völlig ignoriert. Nicht die Haltung des 1.FC Union ist das Problem, sondern, dass wir uns immer noch mit diesen Schwachsinnsregelungen herumschlagen müssen. Auch mit 3G wäre eine Vollauslastung des Stadions problemlos möglich, wie in anderen Bundesländern oder z. B. morgen in Rotterdamm gezeigt. Im Prinzip geht es aber auch ganz ohne irgendwelche G’s, was uns auch bereits von mehreren Ländern (Dänemark, Portugal, Schweden) vorgemacht wird.

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  3. Karlshorster

    Du meine Fresse, was für ein Lügentext vom ersten bis zum letzten Wort. Billiger Versuch einen Verein in den Dreck zu ziehen, der gegen den Strom schwimmt. Aber macht mal, das wurde schon zu Ostzeiten erfolglos versucht.

    Die angepassten Spinner in den asozialen Medien stehen übrigens nicht für die Mehrheit der Unioner. Wer das glaubt hat schlicht keine Ahnung. In unserem Forum hat der Artikel übrigens ausschließlich Dislikes kassiert und kein einizges Like. Aber nicht traurig sein, ihr könnt euch ja an die „Twitter-Unioner“ klammern. 😀

    Auch wenn es nicht in euer Weltbild passt, die Masse der Unioner steht klar hinter Zingler. Der Mann ist selber ein Leben lang Unioner und weiß genau, wie wir ticken. Wir sind schon immer unseren eigenen Weg gegangen, auch wenn das nicht in die schöne neue 2G-Fußballwelt der Bonzen passt. Unioner lassen sich nicht spalten.

    Um es mit dem kürzlich gezeigten Banner zu sagen: Schluss mit allen Maßnahmen!

    Eisern.

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