In die Tiefe

Farmteam, Loan-Army oder zweite Mannschaft?

Der VfL Wolfsburg schließt eine Kooperation mit dem österreichischen SKN St. Pölten. Dafür gibt es in der kommenden Saison keine zweite Mannschaft mehr. Auch andere Bundesligisten verzichten auf die U23. Ist das der beste Weg für den Nachwuchs?

Der VfL Wolfsburg schließt eine Kooperation mit dem österreichischen SKN St. Pölten. Dafür gibt es in der kommenden Saison keine zweite Mannschaft mehr. Auch andere Bundesligisten verzichten auf die U23. Ist das der beste Weg für den Nachwuchs?

Früher war es für die deutschen Erst- und Zweitligisten Pflicht, eine U23 zu haben. 2014 änderte die DFL die Regel, Bayer Leverkusen hatte darauf gedrängt. Trotzdem behielten die meisten Klubs ihre zweite Mannschaft. Heute haben fünf von 18 Bundesligisten keine Zweitvertretung mehr, nämlich Bayer Leverkusen, Union Berlin, Eintracht Frankfurt, Arminia Bielefeld und RB Leipzig. Im kommenden Jahr meldet auch Wolfsburg seine U23 ab. 

Die Wölfe gehen dafür eine Kooperation mit dem österreichischen Erstligisten SKN St. Pölten ein. Viele ihrer Nachwuchstalente werden in Zukunft also nach Niederösterreich verliehen. Das soll den jungen Spielern ermöglichen, auf einem höheren Niveau Spielpraxis zu sammeln, als in der Regionalliga (wobei St. Pölten möglicherweise noch in die zweite Liga absteigt). Die Viertklassigkeit ist das Hauptargument, das gegen eine eigene U23 spricht.

Bei neun von zehn Spielern können wir nach der U19 zuverlässig vorhersagen, ob es für den Profifußball reicht oder nicht.

Armin Graz, ehemaliger NLZ-Chef Eintracht Frankfurt

Bayer Leverkusen hat schon seit sieben Jahren keine zweite Mannschaft mehr, der Verein hat die U23 gleich nach der Regeländerung abgemeldet. Sportdirektor Rudi Völler sagte dazu: „Wir mussten erkennen, dass unseren Top-Talenten der Sprung in die Bundesligamannschaft nicht über eine zweite Mannschaft in der vierten Liga gelingen kann.“ Ein Kai Havertz oder Florian Wirtz wird eben meistens direkt aus der U19 zu den Profis befördert.

Gilt das nur für Top-Talente? Nein, sagte Armin Kraz, ehemaliger NLZ-Chef von Eintracht Frankfurt, vor ein paar Jahren. „Bei neun von zehn Spielern können wir nach der U19 zuverlässig vorhersagen, ob es für den Profifußball reicht oder nicht.“ 

Klose, Lahm oder Müller spielten in der U23

Spätzünder haben es da schwieriger, denn es wird noch früher aussortiert. Verliehen wird ja nur, wer nach der U19 als vielversprechend gilt, aber noch nicht gut genug für die Bundesliga ist. „Verschiedene Vereine geben 19-Jährigen jetzt das Gefühl: Wenn du es bis jetzt nicht geschafft hast, schaffst du es sowieso nicht mehr“, sagte Jürgen Klopp im kicker über die Regeländerung, damals noch als BVB-Coach. Er hielt es für grundlegend falsch. Eine „unfassbar große Zahl“ von Spielern hätte nicht in der Bundesliga oder Nationalmannschaft gespielt, wenn es die „Institution der Amateurmannschaften“ nicht gegeben hätte. Für diese These spricht, dass Weltmeister wie Thomas Müller, Sami Khedira, Phillipp Lahm oder Miroslav Klose eine oder mehr Saisons in der U23 gespielt haben.

Manchmal – beispielsweise als Müller in der U23 bei Bayern spielte – waren die Zweitvertretungen auch in der 3. Liga und damit im Profifußball. Nur selten können sie sich dort aber halten. Das ist wohl ebenfalls ein großer Punkt bei der Überlegung, welchen Weg man einschlägt. Auch Bayern München soll wegen des drohenden Abstiegs seiner Zweiten in die Regionalliga über eine Kooperation mit St. Pölten nachgedacht haben.

Wolfsburg schafft U23 ab – Bremen will flexibel bleiben

Den Zuschlag hat Wolfsburg bekommen. Durch die Kooperation spart sich der VfL Kosten für die U23 und ist möglicherweise auch der erste Ansprechpartner für andere Talente aus St. Pölten. Andererseits wird der Bundesligist damit auch unflexibler. Er wird die meisten Talente wahrscheinlich nach Österreich abstellen.

Für Werder Bremen ist das ein Grund, der gegen einen festen Partner spricht. „Wir wollen da einfach flexibel bleiben und im Einzelfall schauen, was der passende Club und was die passende Liga für den Spieler ist“, sagte Geschäftsführer Frank Baumann kürzlich. Auch Werders U23 wird bleiben. „Wir haben aktuell zwölf, 13 Spieler unter Vertrag, die in dieser Saison Bundesliga-Einsätze hatten und früher auch schon U23-Spiele absolviert haben.“ Baumann verweist dabei auf Davie Selke oder Stammspieler Maximilian Eggestein, der seine Zeit bei der U23 in der 3. Liga verbringen durfte. Zudem können Verletzte in der zweiten Mannschaft Spielpraxis sammeln, wenn sie länger raus waren. Bei Werder waren das zuletzt zum Beispiel Kevin Möhwald oder Fin Bartels.

Best of all worlds beim FC Chelsea

Man kann in der Nachwuchsarbeit aber natürlich auch auf mehrere Pferde setzen. Der FC Chelsea ist zum Beispiel bekannt für seine sogenannte „Loan-Army“. Die Londoner verleihen gerne sehr viele Nachwuchsspieler, aktuell sind es 21. Gleichzeitig haben sie aber auch eine U23 in der Premier League 2, einer Nachwuchsliga für alle U23-Teams der Premier-League-Klubs. Und dazu gibt es mit Vitesse Arnheim einen Farmklub, an den in den vergangenen Jahren einige Talente verliehen wurden. 

Von den Bundesligisten ohne U23 hat – bis auf Wolfsburg – keiner ein Farmteam. Stattdessen setzen sie vermehrt auf Leihen ohne vorbestimmtes Ziel. Der Großteil der Liga behält auch weiterhin die U23-Teams, das könnte sich in den nächsten Jahren aber ändern. Gerade bei Top-Klubs ist der Unterschied zur Regionalliga zu groß. 

Im Podcast Die Zukunft des Fußballs haben wir noch über das Konstrukt RB, die City Football Group und andere Modelle von Farmteams gesprochen. Hört hier gerne mal rein!

Bild: Funky1opti via flickr.

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