In die Tiefe

Wie Sprache und Medien Frauen im Sport benachteiligen

Die Forschung zeigt: Frauen werden von Berichterstatter*innen systematisch verniedlicht, ihre Erfolge werden kleingeredet oder den Männern in ihrem Umfeld zugeschrieben. Außerdem werden sie öfter als schwach bezeichnet und ihre Sportarten langweilig präsentiert. Und das ist noch nicht alles.

Die Forschung zeigt: Frauen werden von Berichterstatter*innen systematisch verniedlicht, ihre Erfolge werden kleingeredet oder den Männern in ihrem Umfeld zugeschrieben. Außerdem werden sie als öfter als schwach bezeichnet und ihre Sportarten langweilig präsentiert. Und das ist noch nicht alles.

Frauen-Bundesliga, Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft, US Women’s Open Championship oder WNBA (Womens-National-Basketball-Association). All diese Sportwettbewerbe haben eines gemeinsam: Sie tragen einen Genderzusatz, um klar zu machen, dass es sich hier um Frauen handelt. Bei den Männern gibt es das nicht. Schließlich ist doch jedem*r klar, dass mit Bundesliga oder der Fußball-WM die Männer gemeint sind, oder?

Die Sportwissenschaftlerin Janet S. Fink sieht genau hier das Problem, denn durch dieses unterschiedliche Labeling wird vermittelt, dass die männliche Bewerbe die Norm darstellen und die der Frauen „etwas anderes“ seien. Laut Fink führt das dazu, dass die Frauenbewerbe weiter eine Art „Nummer-Zwei-Status“ innehaben.

Geschlechterunterschiede im Sportkommentar

Fink beschäftigte sich damit in ihrer Publikation im Sportwissenschaftsmagazin Sport Management Review. Dieses unterschiedliche „Labeling“ von Frauen und Männern gibt es laut ihr nicht nur bei der Benennung von Sport-Events, sondern auch im alltäglichen Kommentar von Wettbewerben. So fallen bei Frauen-Bewerben vonseiten der Kommentator*innen Sätze wie: „Sie ist eine großartige Frauen-Basketballspielerin“ oder „Das hebt sie im Frauen-Golf hervor“. In mehreren Studien wurde dagegen nur äußerst selten beobachtet, dass die Kommentator*innen den Männer-Sport auch so bezeichneten.

Außerdem wurde beobachtet, dass Frauen weit öfter von den Kommentator*innen infantilisiert werden. Das heißt, dass Frauen etwa als „Girls“ oder „Mädels“ bezeichnet werden, wohingegen Männer nur selten „Boys“ oder „Jungs“ genannt werden. Diese Infantilisierung geschieht auch dadurch, dass die Frauen viel öfter bei ihren Vornamen genannt wurden.

Die Differenzierung im Sportkommentar geht laut Fink noch weiter, denn es wird auch dann differenziert, wenn es um die sportliche Leistungen der Athlet*innen geht. So werden etwa im Golf- und Turnsport Männer dreimal so oft als „stark“ bezeichnet wie Frauen. Auch die Gegenprobe wurde durchgeführt, hier zeigt sich beispielsweise in der Leichtathletik, dass Frauen doppelt so oft mit Bezeichnungen von Schwäche in Verbindung gebracht werden wie Männer.

Janet S. Fink untersuchte auch die Unterschiede von Männern und Frauen bei sportlichem Erfolg. Bei den Männern wird dieser Erfolg meist auf ihr Talent und ihre harte Arbeit zurückgeführt. Im Gegensatz dazu wird der Erfolg von Frauen eher auf Glück, männlichen Einfluss (etwa Trainer) oder Emotionen zurückgeführt. Diese krassen Unterschiede in der Darstellung sind umso stärker, je mehr der Sport, um den es geht, als „artistisch“ einzustufen ist. Also Sportarten wie etwa Turnen oder Turmspringen. Am stärksten ist dieser Unterschied laut Fink im Eiskunstlauf zu beobachten.

Ein krasses Beispiel zu diesem Effekt kommt von den olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Nachdem die ungarische Schwimmerin Katinka Hosszú gerade zum Weltrekord geschwommen war, kommentierte der Sportreporter der NBC nach einem Kameraschwenk auf ihren Mann und Trainer: „Und das ist der Mann, der für diesen Erfolg verantwortlich ist“.

Einschätzung von Guardian-Reporterin Lindy West:

Über dieses Beispiel und noch viele weitere sexistische Aussagen schrieb die amerikanische Schriftstellerin Lindy West 2016 im Guardian. So gab es damals auch den Zwischenfall, dass die Zeitung Chicago Tribune verkündete, die Frau eines Footballspielers von den Chicago Bears hätte soeben eine Medaille im Schießen gewonnen. Sie vergaßen jedoch, darauf überhaupt den Namen der Frau selbst zu erwähnen.

Lindy West ging in ihrem Artikel, in dem sie sich mit mehreren sexistischen Beispielen während der olympischen Spiele 2016 beschäftigte, nicht davon aus, dass die Sportkommentatoren, die solche Patzer lieferten, alle Frauenhasser seien. Vielmehr sei es so, dass wir uns alle nach wie vor in einer Kultur bewegen würden, die so gut wie keine Ahnung habe, wie man mit kompetenten Frauen umgehen sollte.


Sie lieferte aber auch einen Lösungsansatz in Form einer Vorlage für die Sportberichterstatter*innen, wie diese in Zukunft über Frauen im Sport berichten sollen, um sexistische Aussagen zu vermeiden.

NEWS REPORT: (Female Athlete) did (sports) today. (Describe sports). THE END.

Lindy West

Batman versus Langeweile

Cheryl Cooky, Michael Messner und Michaela Musto untersuchten in einer Studie zur Mediendarstellung von Frauen und Männern nicht nur welch unterschiedliche Begriffe die Kommentator*innen bei den beiden Geschlechtern benützten, sondern auch die Art und Weise, wie sie kommentierten. Also, ob sie sachlich das Geschehen beschrieben oder, ob sie voller Emotionen sprachen. Zu finden ist die Studie im Buch „No Slam Dunk„. Untersucht wurden US-Kommentator*innen aus mehreren Sportarten. Die aktuellsten Ergebnisse dieser Studie stammen aus dem Jahr 2014 und offenbaren interessante Einblicke.

So fanden die Forscher*innen heraus, dass Männer-Sport bei weitem enthusiastischer und aufregender kommentiert wurde. Die Kommentator*innen waren laut, aufgeregt, ließen ihre Stimmen auf- und abschwellen, schrien manchmal sogar schon und hinterließen so den Eindruck von sehr angeregten und emotionalen Beobachter*innen. Es wurde das Beispiel gebracht, Kommentator*innen beim Männer-Sport zuzuhören, sei, als würde man 1960er Batman-Comic-Filme ansehen, eine Mischung aus visueller und akustischer Action.

Die Autor*innen der Studie beschrieben das Kommentar bei den Frauen-Sportarten dagegen, als höre man jemanden dabei zu, wie er einen überflüssigen Gedanken, ohne jeden Anflug von Enthusiasmus, vortragen würde.

Zur Veranschaulichung hier zwei Beispiele aus dem Buch. Beim MLB All Star Game, im Juli 2014, wurden aus der populären Sendung SportsCenter folgende Kommentare aufgenommen (um die Intonation besser vorstellbar zu machen, wurden die Äußerungen in der englischen Originalsprache belassen):

Ein Kommentator berichtete, ein Mannschaftskollege von José Bautista hätte ihm eine Flasche Gatorade gebracht, „just to cool him down a little bit because he was on fire“. Später im selben Spiel wurde der Schlag von Giancarlo Stanton folgendermaßen beschrieben: „Wow! Take another look at this one. He just absolutely destroys them! You can see the speed on that swing in real time. And you just stand and admire a shot like that“. Einer von Stantons Home Runs wurde sogar als „an absolute bomb“ bezeichnet.

…, so if you’ve got nothing else to do, cool off tomorrow down at the beach in Long Beach

US-Sender KABC über eine Profi-Volleyballpartie der Frauen

Im Kontrast dazu liefern die Forscher*innen das Beispiel eines Frauen-Beach-Volleyball-Turniers, ebenfalls aus dem Juli 2014. Der Sender KABC leitete ein Segment seiner Sportsendung, über ein Turnier der World Series of Pro Beach Volleyball, mit folgendem Kommentar ein:
„Your weekend wouldn’t be complete without a little volleyball. Kerri Walsh Jennings and April Ross taking on team Slovakia in the semi-finals, looking for their 4th win of the tour. Easily dispatching the Slovakians in the first set, they lost the 2nd set, so it was decided in three. And team USA advances to that gold medal game, so if you’ve got nothing else to do, cool off tomorrow down at the beach in Long Beach.“

Neben dem abwertenden Kommentar „if you’ve got nothing else to do“, wurden bei diesem Beispiel und vielen mehr, die Übertragungen komplett ohne jedes Zeichen von Enthusiasmus oder Emotionen kommentiert. Die Forscher*innen erklären, dass dieser Unterschied an Aufregung, Emotionalität und Enthusiasmus im Kommentar der Sportübertragungen mit dazu beiträgt, dass Frauen-Sport als weniger interessant und in manchen Fällen sogar als langweilig betrachtet wird.

Im Sample der Studie waren nicht viele Ausnahmen zu den genannten Beispielen. Zum Abschluss soll aber trotzdem eine dieser Ausnahmen vorgestellt werden, um zu zeigen, dass man auch Frauen-Sportübertragungen mit Spannung und Enthusiasmus kommentieren kann.

Der Sender KABC zeigte 2014 eine Zusammenfassung eines Spiels der WNBA mit folgendem Kommentar unterlegt:
„the Mercury hotter than the weather! Diana Taurasi setting the pace with 18 points, and DeWanna Bonner? Was boomin’ from here, there, and everywhere!”

1 Kommentar zu “Wie Sprache und Medien Frauen im Sport benachteiligen

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