In die Tiefe

Helen Breit im Interview: „Wollen ist das eine, Tun das andere“

Helen Breit ist Vorsitzende der Faninitiative "Unsere Kurve" und saß in der Taskforce "Zukunft Profifußball" der DFL. Im Interview erzählt sie, welche Probleme Frauen in der Fanszene haben, warum sie sich aktuell kein Amt beim DFB vorstellen kann und, dass das Thema "Frauen im Fußball" in der Taskforce eigentlich gar nicht besprochen werden sollte.

Helen Breit ist Fan des SC Freiburg und engagiert sich für fanpolitische Themen. Sie ist Teil der „Supporters Crew Freiburg“ und saß in der Taskforce „Zukunft Profifußball“ der DFL. Hauptsächlich ist sie als Vorsitzende der Faninitiative „Unsere Kurve“ aktiv. Im Interview erzählt sie, welche Probleme Frauen in der Fanszene haben, warum sie sich aktuell kein Amt beim DFB vorstellen kann und, dass das Thema „Frauen im Fußball“ in der Taskforce eigentlich gar nicht besprochen werden sollte.

Helen Breit, warum ist dir das Thema „Frauen im Fußball“ so wichtig?

Weil ich selbst eine Frau bin (lacht). An dem Thema kommt man nicht vorbei, man sucht sich das als Frau ja nicht aus. Mir war es am Anfang meiner aktiven Fan-Zeit eher wichtig, nicht viel über das Geschlecht zu sprechen. Fußball ist für mich eine Möglichkeit, unabhängig zu sein von den typischen Geschlechtsstereotypen, wie sie uns im Rest der Gesellschaft begegnen. Man kann im Fußball laut schreien, man kann angemessen pöbelig sein, man kann trinken und mehr. Also viele Dinge tun, die sonst eher Männern zugeschrieben werden. Gleichzeitig gibt es auch immer wieder Grenzen, die man erfährt, weil man ein anderes Geschlecht hat als die Mehrheit im Stadion. Je länger man sich in diesem fanpolitischen oder fußballpolitischen Bereich bewegt, desto öfter sitzt man mit älteren Männern am Tisch. Nur ganz selten hat man die Chance auch mal mit Frauen zu sprechen. Weil es ganz einfach keine Frauen in Führungspositionen gibt. Ich möchte da eine gewisse Verantwortung wahrnehmen, weil es mir als Mensch einfach wichtig ist, über Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit zu sprechen, wenn ich die Chance dazu habe. Nicht etwa, weil ich denke, dass ich die Weisheit mit Löffeln gefressen habe, sondern weil ich durch Erfahrungen darüber sprechen kann. So will ich dazu beitragen, dass auch andere Perspektiven betrachtet werden.

Welche Erfahrungen hast du selbst gemacht?

Es hat damit angefangen, dass ich als kleines Kind – wie so viele andere auch – gerne gekickt habe. Schon dort war ich meist das einzige Mädchen. Durch einen Zettel an der Wand meiner damaligen Grundschule habe ich dann erfahren, dass es so etwas wie Mädchenmannschaften gibt. In meiner früheren Jugend kam außerdem der Film „Kick it like Beckham“ raus. Ich konnte mich sehr mit dem Traum im Film identifizieren, warum man als Frau nicht in einer Männer-Profimannschaft spielen kann. Es war mir also schon in meiner Jugend präsent, dass Fußball normalerweise von Männern und Jungs gespielt wird. Obwohl ich betonen muss, dass ich nie eine Begrenzung von meinen Mitmenschen erfahren habe. Ich durfte immer überall mitmachen und habe mich mit den Jungs auch wohlgefühlt. Je mehr ich dann in die aktive Fanszene kam, desto mehr musste ich feststellen, dass es auch dort immer weit mehr Männer als Frauen waren. Man merkt diese Differenz zwischen den Geschlechtern oft an ganz pragmatischen Sachen. Beispielsweise auf der Fahrt mit dem Auswärtsbus. Das ist meist eine schwierige Toilettensituation für Frauen. (lacht)

In meiner Freizeit habe ich immer gerne Röcke getragen, das hätte ich im Stadion nicht gemacht.

Helen Breit

Was ist noch anders, wenn man eine Frau ist?

Man ist sichtbarer in der Fanszene. Das hatte bei mir auch Auswirkungen darauf, was ich früher zum Spiel getragen habe. In meiner Freizeit habe ich immer ganz gerne Röcke getragen, das hätte ich im Stadion nicht gemacht. Nicht nur weil es nicht praktisch gewesen wäre, sondern auch, weil es mich sehr markiert hätte als Frau. Das sind Kleinigkeiten, aber man bemerkt den Unterschied zwischen Mann und Frau auch an anderen Stellen. Gerade bei den Amateuren war es früher oft so, dass man als Frau keinen Eintritt bezahlen musste. Da wird man dann gar nicht als vollwertiger Fan anerkannt. An anderen Orten gab es etwa „Frauentage“. So in der Art: Die Frauen mögen ja eigentlich keinen Fußball, aber mit einem Glas Sekt und einer Blume in der Hand sind die dann schon mit dabei. Bei so etwas merkt man, dass es beim Fußball noch immer diese klare Struktur gibt: was ist männlich und was ist weiblich.

Hat sich diese Situation in den vergangenen Jahren verbessert? 

Ich glaube schon, dass es eine starke Entwicklung gegeben hat. Dass es Aufmerksamkeit für bestimmte Strukturen gibt und auch für die, die nicht da sind. Das hat aber auch sehr viel damit zu tun, dass Fans solche Entwicklungen initiieren. Für mich ist etwa die „Fan.tastic Females“-Ausstellung ein Paradebeispiel dafür, wie großartig man weibliche Fans thematisieren kann, ohne es immer mit dieser Opferperspektive zu tun. Natürlich kann man nicht über „Frauen im Fußball“ sprechen, ohne das Thema Sexismus. Andererseits könnte man das Thema auch ein wenig mehr von der optimistischeren Seite betrachten. Das hat diese Ausstellung zum Beispiel sehr gut gemacht. Ich glaube, es sind zurzeit viele Puzzleteile, – unter anderem auch die aktive Fanszene – die dafür sorgen, dass die Aufmerksamkeit für dieses Thema viel höher ist.

Wie ist die Situation für dich als Frau in der Fanszene? Und wie hat sie sich verändert?

Unsere Fanszene in Freiburg ist vergleichsweise klein. Da kennt jede*r jeden. Je länger man dort konstant mit zum Fußball geht, desto eher wird das der eigene Bekanntenkreis. Ich mache das seit ich 17 bin. Seitdem verbringe ich quasi jedes Wochenende mit mehr oder weniger den gleichen Leuten. Dann wird man irgendwann als „Helen“ und nicht als irgendeine Frau wahrgenommen. Als Frau in einer Fanszene hat man mit verschiedenen Dingen zu kämpfen. Wir haben in Freiburg die Erfahrung gemacht, dass man bewusst Räume eröffnen kann, die es ermöglichen unter Frauen offen über Sexismus, sexuelle Belästigung und persönliche Erfahrungen zu sprechen. Da erfahre ich immer wieder Dinge, die mich sehr schockieren. In meiner Naivität, das muss ich zugeben, hatte ich schon gedacht, dass einige Sachen inzwischen überwunden wären. Aber durch solche Gespräche mit anderen Frauen wird man schnell wieder daran erinnert. So gut wie alle Frauen, die ich kenne, haben diese Ambivalenz. Dass man einerseits das Fansein total liebt. Andererseits weiterhin mit teils höchst problematischen Dingen konfrontiert wird.

Es braucht zuallererst den Willen, etwas zu ändern.

Helen Breit

Sandra Schwedler vom FC St. Pauli ist derzeit die einzige Frau, die bei einem Männer-Profiklub Aufsichtsratsvorsitzende ist. Wie kann man mehr Frauen in solche Führungspositionen bringen?

Wir müssen die Strukturen ändern. Dazu braucht es zuallererst den Willen, etwas zu verändern. Zurzeit sind in all diesen Positionen Männer vertreten. Wenn es mehr Frauen geben soll, müssen zwangsweise Männer ihre Positionen aufgeben. Oder zumindest entsteht eine andere Form der Konkurrenz. Diese Postenbesetzungen müssen offener und durchlässiger werden. Das ist allerdings etwas, dass nicht Frauen allein vorantreiben können. Daran müssen alle arbeiten. In der Gesellschaft sind wir eine Hälfte Männer und eine Hälfte Frauen Im Fußball sind es zumindest 30% Frauen im Zuschauer*innenbereich. Man müsste auch in den Führungspositionen dahinkommen, diese Verteilung dort abzubilden. Wir haben inzwischen 2021 und der Fußball ist einer der letzten Bereiche, der so rückständig aufgebaut ist, dass sich kaum Frauen wiederfinden. 

Braucht es dann also eine Frauenquote?

Mittlerweile muss ich sagen, dass wir aus meiner Sicht nicht um eine Quote drum herum kommen. Die Vereine wären dann gezwungen, sich auch einmal nach Frauen umzusehen und diese anzusprechen. Die Vereine müssen sich mal fragen, welche Barrieren sie selbst aufbauen, sodass sich keine Frauen bei ihnen bewerben – wenn das denn stimmt. DFL-Präsident Christian Seifert zum Beispiel sagte ja, bei der DFL würden sich keine Frauen bewerben. Das kann doch nicht die Antwort auf dieses Problem sein, dass sich einfach mehr Frauen bewerben müssen. Die DFL müsste sich fragen, was sie ändern müssen, damit sich qualifizierte Frauen auch für den Fußballbereich interessieren. Außerdem braucht man zusätzlich zum Ändern der Strukturen auch einen richtigen Plan. Lippenbekenntnisse gab es schließlich genug. DFB-Präsident Fritz Keller hat sich beispielsweise geäußert, dass er zwar mehr Frauen will, aber keine Quote. Und dann hört es danach auf, keine Lösungsvorschläge, nichts. Man kann ja gegen eine Quote sein, dann sollte man allerdings auch einen guten Alternativplan vorlegen können. Ein Punkt, der mich sehr schockiert hat, war, als ich in der Taskforce „Zukunft Profifußball“ der DFL saß. Ich habe dort nochmal explizit nachgefragt, ob es denn inzwischen eine Diversity-Strategie der DFL gibt und die Antwort war: Nein. Das finde ich schon krass. Als ich vor gut zehn Jahren das erste Mal von Diversity-Strategien gehört habe, waren die damals schon ein alter Hut. Aber der Fußball fängt jetzt erst damit an, über die Implementierung einer Diversitäts-Strategie nachzudenken.

Wie hoch sollte so eine Quote sein?

Das Minimum muss aus meiner Sicht der Zuschauerinnen-Durchschnitt sein, damit kann man es gut argumentieren. Es sind wohl nachweislich zwischen 20 und 30 Prozent Zuschauerinnen, deshalb könnte man mal mit den 30 Prozent anfangen. Am besten fände ich aber paritätisch.

Erste Erfolge der Diversitäts-Strategie müssen wir spätestens in zwei Jahren sehen. Ich möchte nicht bis 2030 warten.

Helen Breit

Weil du Taskforce und Diversity angesprochen hast: Anfang März hat die DFL eine Pressemitteilung rausgegeben, in der sie genau diese Diversitäts-Strategie anspricht. Sie soll nun umgesetzt werden. Was weißt du davon?

Ich glaube, sie dürften inzwischen verstanden haben, wie spät sie eigentlich dran sind. Ob sie es wollen oder nicht, sie werden einfach nicht darum herumkommen. Ich denke auch, dass neben Fans auch beispielsweise Sponsoren die Erwartung an den Fußball haben, dass sich hier etwas tut. Wenn man sich die Großsponsoren ansieht, dann haben die innerhalb ihrer Firmen meist viel klarere Regeln und diese auch schon viel länger. Deshalb wird es inzwischen einen gewissen Druck auf die DFL geben, hier nachzuziehen. Innerhalb der Taskforce haben wir das so verstanden, dass es eine ganz klare Anspruchshaltung von den Sponsoren gibt, dass hier etwas gemacht wird. Ansonsten wäre dies nicht mehr vereinbar mit den Richtlinien der Sponsoren. Die S20 (Vereinigung namhafter Sportsponsoren, d. Red.) hat sich dazu in einer Pressemitteilung nach dem Abschlussbericht der Taskforce geäußert. Das ist der Unterschied. Dass jetzt nicht nur Druck von der Fan-Seite kommt, sondern von vielen Richtungen.

Die Ziele der Taskforce sollen bis 2030 umgesetzt werden. Wenn die DFL jetzt schon mit einer Diversitäts-Strategie so weit zurückliegt, ist 2030 dann nicht viel zu spät?

Diese Diversitäts-Strategie muss in diesem Jahr noch erarbeitet und implementiert werden. Erste Erfolge müssen wir spätestens in zwei Jahren sehen. Da möchte ich nicht bis 2030 warten. Diese Zeitschiene bis 2030 kam auch nicht von den Teilnehmer*innen der Taskforce. Die ist erst im Nachhinein entwickelt worden, als die Diskussionen fertig waren. Mir wurde gesagt, dass 2030 deshalb gewählt wurde, weil es besser klang als 2025. 2030 sollen dann alle Dinge, die in der Taskforce erarbeitet wurden, umgesetzt sein. Das DFL-Präsidium hat in einer öffentlichen Mitteilung gesagt, dass sie das Thema Diversität unmittelbar angehen wollen. Ich würde da 2023 als Ziel ausrufen.

Es gab vorgefertigte Fragestellungen der DFL. Darunter war keine, wie wir den Fußball diverser machen können.

Helen Breit

Wie viel Platz hatte das Thema Frauen im Fußball in der Taskforce? Wie wichtig war es?

Das Thema stand erst einmal gar nicht auf der Agenda. Es gab vorgefertigte Fragestellungen der DFL. Darunter war keine, wie wir den Fußball diverser und inklusiver machen können. Es gab lediglich Fragestellungen zur gesellschaftlichen Verankerung des Fußballs und zum Frauenfußball. Die Diskussion über Frauen im Fußball ist beim Thema Frauenfußball aufgeploppt. Das war in der ersten Diskussionsrunde. Es war dann ziemlich schnell Thema bei uns, wir hatten in unserer Gruppe zum Beispiel mit Katja Kraus (früher Pressesprecherin bei Eintracht Frankfurt und Vorstandsmitglied beim Hamburger SV, d. Red.) eine prominente Vertreterin der Thematik „Frauen im Fußball“ sowie auch andere Menschen, die für dieses Thema stehen. Später kam es dann noch einmal im Bereich gesellschaftliche Verankerung auf, wo über Diversität oder Inklusion auf allen Ebenen gesprochen wurde. 

Also war es dann doch ein wichtiges Thema.

Ja, schon. Und trotzdem finde ich es manchmal etwas zu verkürzt. Man führt dort die Diskussionen, die in unserer Gesellschaft vor zig Jahren geführt worden sind. Ich würde auch gerne gleichzeitig darüber sprechen, wie wir Menschen mit Behinderung oder mit Migrationsgeschichte in die Führungsebenen bekommen können. Aber wir sind so weit hinten dran, dass wir erstmal explizit über Frauen sprechen müssen. Eigentlich müsste man ja über alles gleichzeitig sprechen. Man kann sagen, dass man mit dem Geschlecht den Anfang macht. Aber auch da gibt es ja mehr als Mann und Frau… 

Bist du jetzt noch in den Arbeitsgruppen oder auf eine andere Art in der Taskforce vertreten?

Es war von Anfang an klar, dass die Taskforce ein abgeschlossener Prozess ist. Deswegen bin ich – so wie auch die anderen – erstmal nicht weiter eingebunden. Aber wir haben ja das Netzwerk „Zukunft Profifußball“ im vergangenen Jahr initiiert und Konzeptpapiere geschrieben. In diesem Netzwerk haben wir auch die Taskforce begleitet und dazu Stellungnahmen oder Positionen veröffentlicht. Daran arbeiten wir weiter. Bei der DFL soll ein dauerhafter Beirat eingesetzt werden, die Besetzung kenne ich nicht. Ich glaube aber, dass es ein wertvoller Schritt ist, dass sich die DFL Externe dazuholt. Menschen, die nicht dauerhaft in der Organisation verhaftet sind. Dazu sollten aus meiner Sicht auch zwingend Fans gehören.

In der Diversitätsstrategie bist du also nicht eingebunden?

Nein. Ich weiß auch nicht, wer diese Strategie erarbeitet. Ich hoffe es sind Menschen, die Erfahrung und eine zertifizierte Ausbildung in diesem Bereich haben. Und, dass sie nicht nur Experten, sondern auch Expertinnen miteinbeziehen. (lacht) Es gibt ja genug qualifizierte Menschen aus verschiedensten Bereichen, die viel mehr Expertise haben als ich. Ich sehe unsere Rolle als Fans darin, Impulse zu setzen. Wir sind Expert*innen für den Fanbereich, wir kennen die Strukturen, sind Mitglieder in unseren Vereinen. Natürlich muss man dann Fans unbedingt mit einbeziehen, aber um eine Strategie in der DFL auszuarbeiten, reicht es vollkommen aus, wenn sie qualifizierte Expert*innen haben. Natürlich können auch Fans diese berufliche Expertise mitbringen.

Es ist für junge Frauen immens wichtig zu sehen, dass auch Frauen diese Positionen bekleiden können.

Helen Breit

Braucht es für Frauen auch eine Art Pionierin in einer Spitzenposition, die den Weg für andere ebnet?

Es braucht natürlich immer Menschen, die besonders sichtbar sind. Eine Bibiana Steinhaus im Schiedsrichterwesen hat so eine Rolle bekleidet. Es ist für junge Frauen immens wichtig zu sehen, dass auch Frauen diese Positionen bekleiden können. Wenn man sich etwa Angela Merkel in der Politik ansieht, dann hat sie seit ihrem Amtsantritt sicher eine Vorbildrolle für junge Mädchen ausgeübt, die sich in Zukunft vielleicht eher ein politisches Amt zutrauen. Außerdem hat sie dafür gesorgt, dass es wahrscheinlich nie wieder zur Diskussion stehen wird, ob eine Frau Bundeskanzlerin werden kann. Andererseits ist die Last, die eine solche Pionierin tragen muss, wahnsinnig groß. Es gibt ja, genau wie bei den Männern, auch Frauen, die nicht gut qualifiziert sind und die an Anforderungen scheitern. Wenn du aber die erste Frau bist und du erlaubst dir Fehler oder scheiterst ganz einfach an den Anforderungen, oder du bist einfach ein blöder Mensch, dann bist du auch gleichzeitig ein Negativbeispiel als Frau. Du musst also nicht nur für die Stelle qualifiziert, sondern auch viel besser als alle anderen sein. Damit du die Nachteile ausgleichen kannst, die dir als Vorurteil wegen deines Geschlechts entgegenkommen und um mit der besonderen öffentlichen Aufmerksamkeit umgehen zu können. Dann erst kann man das Tor für weitere Frauen aufstoßen. Und trotzdem kann man die Strukturen dann nicht alleine ändern. Es braucht immer auch die Männer dazu.

Ich würde Fritz Keller gerne eine Frage zurückstellen: Was genau ist denn passiert nach diesen Ankündigungen?

Helen Breit

DFB-Präsident Fritz Keller hat einmal gesagt, das Thema „Frauen im Fußball“ sei für ihn das wichtigste Thema, das er angehen will. Sind das leere Versprechungen oder kann man bald konkrete Maßnahmen erwarten?

Das eine ist, etwas zu wollen, das andere ist, es auch zu tun. Ich kann mir relativ wenig davon kaufen, wenn jemand sagt, er möchte es auch gerne anders haben. Der DFB müsste vielleicht mehr darüber kommunizieren, was er schon alles getan hat seit Fritz Keller im Amt ist. Ich habe noch keine bahnbrechenden Maßnahmen wahrgenommen. Man kann dieses Thema nicht vorantreiben, indem man nur erzählt, dass es wichtig ist. Man kann es nur vorantreiben, indem man eine wahnsinnig selbstkritische Analyse der vorhandenen Strukturen vornimmt. Wenn man sich derzeit den DFB-Bundestag ansieht, dann steht der nicht für Diversität, sondern für eine einzelne Altersgruppe und ein einzelnes Geschlecht. Es kann auch nicht die Antwort sein, eine einzige Frau zu holen und die dann immer zu präsentieren. Damit man sagen kann: „Wir haben ja eine Frau“ und dann glaubt, damit das Problem widerlegen zu können. Es muss so sein, dass es gar nicht mehr auffällt und es Normalität ist, dass dort Frauen und Männer oder Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten sitzen. Ich würde Fritz Keller also gerne eine offene Frage zurückstellen: Was ist denn genau passiert nach diesen Ankündigungen? Es ist wichtig, dass solche Aussagen überprüft werden, dass es eine kritische Öffentlichkeit gibt, etwa die Fans oder auch die Medien.

Wie wichtig findest du Gendern im Fußball?

Wahnsinnig wichtig. Ich halte es für ein großes Missverständnis, dem keine oder nur eine geringe Bedeutung zuzuweisen. Man muss nur darauf aufpassen, dass man keine ideologische Diskussion daraus macht. Es muss immer das Ziel sein, nicht ausschließend und auf allen Ebenen inklusiv zu sein. Und das fängt bei der Sprache an. Diese integrative Kraft des Fußballs wird ja auch immer angesprochen. Und dann will man bei der Sprache auf einmal nicht integrativ sein. Als ich mir einige Stadionordnungen angeschaut habe, ist mir bei St. Pauli ins Auge gestochen, dass diese gegendert ist. Wir arbeiten auch in Freiburg hartnäckig daran, konsequent eine geschlechtergerechte Sprache einzuführen. Ich finde es verrückt, dass man teilweise jahrelang darüber diskutieren muss, dass man die Sprache ändert. Obwohl es in Anführungsstrichen nur um die Form geht und nicht einmal um den Inhalt. Es ist interessant, dass ich beim DFB eine sehr viel höhere Sensibilität für geschlechtergerechte Sprache wahrnehme als bei der DFL. Die gendert zum Beispiel – im Gegensatz zum DFB – konsequent nicht.

Du bist öfters in Talkshows. Bekommst du mit, wie du als Expertin angenommen wirst?

Ich bin prinzipiell nicht in den sozialen Medien, deshalb fehlt mir der Teil der Rückmeldung. Ich schaue mir das zwar schon manchmal an, aber wenn man mir Rückmeldung geben will, muss man mich anrufen oder eine Mail schreiben. Dort habe ich noch keine sexistischen Äußerungen wahrgenommen, wenn ihr darauf anspielt. Von dem, was ich an Rückmeldung bekomme oder im Internet gelesen habe, stören sich Menschen entweder an meinen Argumenten oder finden sie gut und nachvollziehbar. Da dreht es sich um den Inhalt. Und dann ist ja alles gut, weil über Inhalt muss man streiten. Sonst lohnt es sich ja nicht, in eine Diskussion zu treten.

Wie wichtig ist es, in den männerdominierten Shows, wie dem Doppelpass, Frauen einzusetzen?

Wahnsinnig wichtig – aber bitte nicht in klischeehaften Rollen. Denn es geht darum, dass ich das, was ich sehe, als Normalität wahrnehme. Deswegen brauchen wir auch in der medialen Repräsentation ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis. Ich glaube aber, es ist auch ein Henne-Ei-Problem, dass wir weiterhin wenig Frauen in fußballbezogenen Sendungen sehen. Medien, die mich anfragen, sagen oft, dass sie eine geschlechtergemischte Besetzung wollen. Aber wenn sie Verantwortliche aus den Verbänden oder Vereinen brauchen, sitzen da einfach nur Männer. Das heißt, du kannst nur in manchen Bereichen überhaupt Frauen anfragen. Solange man keine Frauen in die Führungspositionen von Vereinen und Verbänden bekommt, werden da natürlich nie Frauen sprechen. Da finde ich es dann zum Beispiel cool, dass wir als Fanvertreter*innen in der Taskforce drei Frauen und drei Männer waren. Das geht bei uns eben, weil es Frauen und Männer gibt. Wenn es aber keine Frauen gibt, ist es schwierig, sie einzuladen. Ich finde es aber gut, dass von den Medienhäusern – vor allem bei den öffentlich-rechtlichen – geprüft wird, wie das Geschlechterverhältnis zum Beispiel in Talkrunden ist.

Man kann immer dazu beitragen, das Thema Geschlecht nicht zu tabuisieren.

Helen Breit

Was kann man als Fan beitragen, um das Thema zu verbessern?

Man kann immer dazu beitragen, das Thema Geschlecht nicht zu tabuisieren. Man kann sich fragen, ob man im Freundeskreis oder mit der Gruppe, mit der man zum Fußball geht, offen darüber sprechen kann. Man kann sich fragen, welche Vorurteile man selber hat. Jeder hat Stereotype. Ich selbst habe auch einige gegenüber Frauen. (lacht) Ich denke, es fängt damit an, Räume zu schaffen, in denen man darüber sprechen kann. Nur dann kann ich offen dafür sein, etwas zu verändern – wie meine Perspektive oder Meinung. Auch im eigenen Verein kann man total viel machen. Ich kann mit anderen Mitgliedern Satzungsanträge stellen, ich kann deutlich machen, dass ich in der Stadionordnung oder auf der Website eine geschlechtergerechte Sprache erwarte. Ich kann Artikel in Fanzines schreiben. Es darf nicht darum gehen, immer alles perfekt machen zu müssen, sondern ins Gespräch zu kommen. Oder einfach viele Fragen zu stellen, man muss ja gar nicht die Antworten kennen. Man kann dem Verein sagen: „Ich würde mir wünschen, dass sich hier alle wohl fühlen. Was habt ihr bisher dafür getan und was werdet ihr dafür in der Zukunft tun?“

Einige der Frauen, die sich in der „Männerdomäne Fußball“ bewegen, beklagen sich, dass sie immer nur in ihrer Rolle als Frau gesehen werden. Und nicht als Trainerin, Schiedsrichterin, Moderatorin usw. Kennst du das auch?

Ich kenne es in einer anderen Reihenfolge. Ich habe in Freiburg viel fanpolitische Arbeit gemacht, mich also für die allgemeinen Anliegen der Fans engagiert. Mein Geschlecht war da anfangs kein Thema. Ich habe eher selbst angefangen, das Geschlecht und Frauen zu thematisieren. Aber ich kann es sehr gut nachvollziehen, dass das alle Frauen nervt, bei denen das der Fall ist. Ich mache als Vorsitzende von „Unsere Kurve“ die Erfahrung, in meiner Rolle als Vertreterin für allgemeine fanpolitische Themen angefragt zu werden. Zusätzlich rede ich dann auch über das Frausein, denn ohne Thematisierung kommen wir hier nicht weiter. Wenn das allerdings andersrum wäre, wäre ich massiv genervt. 

Und zum Abschluss: Könntest du dir selbst einmal ein offizielles Amt beim DFB vorstellen?

(lacht) Da ich aktiver Fan, weiblich und weit unter 60 Jahre alt bin, habe ich mich mit dieser Frage bisher nicht auseinandergesetzt.

In unserer (verlängerten) Themenwoche beschäftigen wir uns seit Samstag und noch bis Sonntag mit dem Thema „Frauen im Fußball“. Zu lesen gibt es Interviews mit Sportmoderatorin Kristina Inhof, Fansprecherin Helen Breit und DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg! Außerdem zwei spannende Texte zum Thema strukturelle Unterschiede in der Medienberichterstattung und die geschlechtsspezifisch unterschiedliche Behandlung von Sportler*innen durch Kommentatoren.

Bild: Helen Breit

1 Kommentar zu “Helen Breit im Interview: „Wollen ist das eine, Tun das andere“

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