In die Tiefe

Baustelle EM – Eine Bestandsaufnahme

24 Nationen sollen von 11. Juni bis 11. Juli in ganz Europa verteilt um den EM-Titel antreten. Ein Szenario, dass momentan durch die geringe Durchimpfung und weiter hohe Fallzahlen geradezu utopisch wirkt. Doch gibt es einen Plan B für die EM? Drohen uns im Sommer leere Ränge? Oder gar eine weitere Verschiebung? Wir haben uns den Status Quo einmal angesehen.

24 Nationen sollen von 11. Juni bis 11. Juli in ganz Europa verteilt um den EM-Titel antreten. Ein Szenario, dass momentan durch die geringe Durchimpfung und weiter hohe Fallzahlen geradezu utopisch wirkt. Doch gibt es einen Plan B für die EM? Drohen uns im Sommer leere Ränge? Oder gar eine weitere Verschiebung? Wir haben uns den Status Quo einmal angesehen.

Zum 60-jährigen Jubiläum der EM sollte die große Fußball-Party zum ersten Mal als paneuropäischer Wettbewerb in zwölf verschiedenen Stadien verteilt über ganz Europa stattfinden. Bilbao, München, St. Petersburg, Wembley etc. Sie alle sollten die Bühne für die beste Europameisterschaft aller Zeiten bieten. Ein Großereignis für Meilensammler*innen, der ballesterische Superspreader der guten Laune. Was bei der Organisation vor zehn Jahren noch nach einem hervorragenden Plan klang, wäre in den heutigen Zeiten von erwachendem Umweltbewusstsein und Flugscham wohl schon nicht mehr abgefeiert worden. Dann kam 2020 zusätzlich noch Corona dazu und legte das ganze Projekt auf Eis. Zähneknirschend verschob man auf den Sommer 2021.

Doch auch in diesem Jahr ist die Corona-Krise noch nicht überstanden. Von einer weiteren Verschiebung ist derzeit seitens der UEFA aber keine Rede mehr, trotz neuer Virusmutationen und weiter niedrigen Impfquoten. Eine erneute Verschiebung wäre allein wegen des straffen Terminplans aber kaum mehr möglich, 2022 findet schließlich mit der Weltmeisterschaft in Katar schon das nächste Großereignis statt.

Auch finanziell würde das Turnier dann kaum mehr zu stemmen sein, Turnierdirektor Martin Kallen spricht von einem dreistelligen Millionenbetrag, der allein durch die Verschiebung von letztem Jahr schon entstanden ist. Können diesen Sommer in den Stadien keine Zuschauer*innen zugelassen werden, würden nochmals mehrere hundert Millionen Euro dazukommen.

Fehlende Zuschauer*innen stellen derzeit wohl aber nur eines der geringeren Probleme dar. Sieht man sich die jüngsten Entwicklungen in der Champions League an, dann mag man am paneuropäischen Plan der EM schon arg zweifeln. In der CL ist es dank strikter Einreisebeschränkungen so weit gekommen, dass inzwischen nicht nur Viktor Orban sondern auch Willi Orban seine Heimspiele in Budapest austrägt. Können die europäischen Länder also ihre Impfkampagnen nicht deutlich beschleunigen, so sieht es für viele Spielstätten der EM düster aus.

Stand jetzt will die UEFA aber an ihrem Plan der zwölf Stadien samt Fans festhalten. DFB-Vizepräsident Rainer Koch äußerte sich auf Anfrage des ZDF optimistisch: „Wir werden alles daran setzen, auch bei der UEFA, die Menschen wieder in die Stadien zu bringen – so weit es verantwortet werden kann. Natürlich geht die Gesundheit vor.“

Auch UEFA-Präsident Aleksander Čeferin hatte im Oktober angekündigt, keine Standortstreichung vornehmen zu wollen. Dafür betonte er aber, dass der Verband bereit wäre, verschiedene Szenarien für die Europameisterschaft umzusetzen.

Die Austragungsstädte sollen sich laut der UEFA auf vier verschiedene Varianten des Turniers vorbereiten. Variante eins wäre eine EM ohne Zuschauer*innen, gemäß den Geisterspielen, die man jetzt gerade gewohnt ist. Variante zwei wäre eine Stadionauslastung von 20-30%, Variante drei eine mit 50% und Variante vier 4 wäre schließlich die Vollauslastung der Stadien. Alle Varianten sind große Herausforderungen für die Städte, da man etwa bei Variante zwei und drei auch die komplizierte Situation mit Hygienekonzepten bei den Hotels, An- und Abfahrtswegen und im Stadion für die Zuschauer*innen beachten müsste.

„Verschiebt die EM. Reagiert jetzt. Sonst ist es zu spät.“

Berti Vogts in seiner Kolumne bei T-online

Funktionäre und Spieler aus der Bundesliga kritisieren hingegen das Festhalten an der europaweiten Lösung mit zwölf Austragungsorten. So hat etwa der ehemalige Bundestrainer Berti Vogts in einer Kolumne für T-online geschrieben: „Verschiebt die EM. Reagiert jetzt. Sonst ist es zu spät.“  In der Corona-Krise mit anhaltend hohen Infektionszahlen sei es aktuell „illusorisch“, an die Durchführung eines europaweiten Turniers in nur wenigen Monaten zu denken.

Auch Eintracht FrankfurtSportvorstand Fredi Bobic stellte sich auf die Seite von Berti Vogts. „Es ist illusorisch, dass im Juni 2021 eine Fußball-EM in zwölf verschiedenen europäischen Ländern stattfindet. Und es wäre auch das komplett falsche Signal aufgrund der Corona-Pandemie.“

Man sieht, die paneuropäische Lösung ist riskant und wird hart kritisiert. In den Medien werden daher nun auch andere Alternativen durchgespielt. So haben sich etwa Großbritannien und Israel schon angeboten, um mehr Spiele der EM zu übernehmen. In beiden Ländern ist die Impfung schon weit fortgeschritten und es kann davon ausgegangen werden, dass bis zum Sommer beide Länder eine Durchimpfungsrate vorweisen können, die Zuschauer*innen in den Stadien zulassen würden.

Die endgültige Entscheidung unter welchen Umständen die Europameisterschaft nun stattfinden soll, wollte die UEFA schon am 5. März bekanntgeben. Nun ist der Termin auf Anfang April verschoben worden.

Update 17.03.2020

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin kündigte inzwischen an, dass die Europameisterschaft auf jeden Fall vor Zuschauern ausgetragen werden soll. Kroatischen Medien gegenüber sagte er: „Jeder Ausrichter muss garantieren, dass Fans zu den Spielen dürfen. Man habe mehrere Szenarien aber die Option, dass irgendein Spiel der EM ohne Fans ausgetragen wird, ist definitiv vom Tisch“.

Aufgrund des derzeitigen Infektionsgeschehens, schrillten daraufhin an mehreren Austragungsorten die Alarmglocken. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter gab bekannt, dass es zum jetzigen Zeitpunkt schlicht nicht möglich sei eine Aussage darüber zu treffen, ob man im Juni vor Zuschauern spielen könne oder nicht.

Inzwischen ruderte die UEFA auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung wieder etwas zurück: „Keine Stadt würde automatisch ausscheiden, wenn sie mit einem Szenario hinter verschlossenen Türen plane“. Dennoch baut Ceferin mit seiner Ankündigung enormen Druck auf die Austragungsorte auf, die bis 7. April bei der UEFA mit ihren Konzepten vorstellig werden müssen. Gut möglich, dass jene Stadien die ohne Zuschauer planen am Ende gar kein Spiel austragen dürfen.

Bild-Credit: Riccardo Bresciani, https://www.pexels.com/photo/green-and-white-soccer-field-at-night-time-41257/

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