In die Tiefe

„Wir sind nur Marionetten“

Warum gibt es keinen Profifußballer, der sich kritisch über die Katar-Reise des FC Bayern äußert? Oder öffentlich über seine Ängste bei Länderspielreisen spricht? Warum die Spieler fast ausnahmslos stumm bleiben. Ein Erklärungsversuch.

Warum gibt es keinen Profifußballer, der sich kritisch über die Katar-Reise des FC Bayern äußert? Oder öffentlich über seine Ängste bei Länderspielreisen spricht? Warum die Spieler fast ausnahmslos stumm bleiben. Ein Erklärungsversuch.

Der FC Bayern München reist in der Hochphase der Pandemie für einen Wettbewerb, der für den wirtschaftlichen Erhalt des Profifußballs nicht entscheidend ist, nach Katar. So (und weil er Qatar Airways als Sponsor hat) unterstützt er auch einen Staat, der vor Menschenrechtsverletzungen nicht Halt macht, der den Tod mehrerer tausend Gastarbeiter in Kauf genommen hat, um Fußballstadien für die WM 2022 zu bauen.

Während ein immer größerer Teil der Fans den Profifußball dieser Tage wegen seiner vermeintlichen Sonderrolle kritisiert, bleiben die Spieler beispielsweise zur Katar-Reise des FCB öffentlich ausnahmslos stumm. Ist ihnen das vielleicht einfach egal, weil sie in einer abgehobenen Fußballblase leben?

Das lässt sich natürlich nicht verallgemeinert beantworten, bei manchen ist es möglicherweise der Fall. Sicherlich aber nicht bei allen. Das zeigen bestimmte Einzelfälle.

Vorbild Goretzka – Corona-Angst im DFB-Team

Zum Beispiel Leon Goretzka, der sich gegen Antisemitismus stark macht, gegen die AfD ausspricht oder mit Joshua Kimmich eine Spendenaktion für soziale Einrichtungen startet. Aber über Katar äußert auch er sich nicht.

Auch über die Gefahr von Länderspielreisen in der Pandemie machen sich manche Profis Gedanken. So erzählte Jogi Löw zum Beispiel kürzlich im kicker-Interview von besorgten Nationalspielern zwischen den Länderspielen gegen die Ukraine und gegen Spanien. „Vor dem Samstags-Spiel gegen die Ukraine war bis 15 Uhr nicht klar, ob überhaupt gespielt wird“, sagte Löw. Bei den Ukrainern hatte es mehrere Corona-Fälle gegeben. „Unsere Spieler waren unsicher: Können wir spielen? Sollen wir spielen? Wollen wir überhaupt spielen? Die Antwort: Ja, wir können spielen. Alle Spieler, die eingesetzt wurden, waren getestet und konnten niemanden anstecken.“

Dann wieder Verunsicherung: „Am Sonntag kam die Meldung, dass im Ukraine-Team noch einmal mehrere Akteure infiziert waren.“ Und am Dienstag musste die Nationalmannschaft in Spanien ran. „Vor dem Abflug sagten Spieler zu mir: ‚Trainer, das ist Hochrisikogebiet, da wollen wir nicht hin. Ich habe eine schwangere Freundin zu Hause, meine Mutter, mein Vater gehören zu Risikogruppen.‘ Das konnte ich natürlich nachvollziehen. Ich habe selten Spieler mit einer solchen Verunsicherung erlebt. Das dauerte bis zum Anpfiff in Sevilla.“ Das Ergebnis: eine 0:6-Pleite. 

Wer öffentlich kritisiert, schießt sich ein Eigentor

Trotzdem machte keiner der Spieler seine Ängste öffentlich. Weil jeder wusste, welche Debatte er damit lostreten würde, wie sie dem Image des Fußballs schaden würde. Und am Ende wäre der Leidtragende vor allem der Spieler selbst gewesen. 

Kritik am eigenen Klub oder Sponsoren ist nämlich nicht erwünscht, den es schadet der öffentlichen Wahrnehmung eines Vereins. Vor allem aber wirkt sich so etwas negativ auf die Karriere der Spieler aus, auf das Image eines Profis. Nur wenige Klubs wollen Spieler anstellen, von denen sie öffentliche Kritik befürchten müssen. Martin Hinteregger ist da wohl eine Ausnahme. 

Zweifel vor dem Restart

Michael Lehner, Heidelberger Anwalt und Sportrechtsexperte bestätigt das. Vor dem Restart der Bundesliga im vergangenen Jahr haben sich einige besorgte Profis bei ihm erkundigt. Dabei ginge es den Profis nicht nur darum, ob man einen Gehaltsverzicht hinzunehmen habe. „Ich werde auch gefragt: Muss ich das machen? Muss ich spielen?“, erzählte Lehner der taz.

Lehner befand: „Es muss ein Verweigerungsrecht des Spielers geben.“ Die Angestellten in der Autoindustrie könnten an ihrem Arbeitsplatz die Hygiene- und Distanzempfehlungen des Robert-Koch-Instituts weitgehend befolgen und hätten deshalb kein Recht, zu Hause zu bleiben. Bei einer Vollkontaktsportart wie dem Fußball sei das aber unmöglich.

Den gerichtlichen Weg empfahl er den Profis dennoch nicht. Er könne doch keinen „gegen die Wand fahren lassen“, sagte Lehner. So ein Musterprozess würde keinen Sinn machen, weil die Spieler riskieren würden, künftig gemieden und nicht mehr angestellt zu werden. Sie müssten gezwungenermaßen mitmachen. „Es ist eine Abhängigkeit, die durch viel Geld erkauft wird.“

Rüffel für Verstraete

Dazu passt auch, dass Birger Verstraete, ehemaliger Profi des 1. FC Köln, kurz vor Restart in einem Interview sagte: „Es liegt nicht an mir, zu entscheiden, was mit der Bundesliga geschehen soll. Aber ich kann sagen, dass mir der Sinn nicht nach Fußball steht“. Er hielt den Restart für „naiv“. So zu tun, als sei nichts geschehen, das sei laut Verstraete „unverantwortlich“. Er hatte auch Angst um seine Freundin, die Risikopatientin sei.

Kurz darauf relativierte er seine Aussagen in einem offiziellen Statement der Kölner. Verschiedene Medien berichteten, er sei von seinem Klub auf Linie gebracht worden. Seine Freundin ist daraufhin in ihr Heimatland Belgien abgereist, wohl um sich selbst zu schützen. Verstraete wechselte dann im Sommer 2020 leihweise zum belgischen Klub Royal Antwerpen.

Wir sind nur Marionetten.

Sören Bertram

Für Sören Bertram vom Drittligist Magdeburg war die Nicht-Einbeziehung in die Entscheidungen vor dem Restart ebenfalls Grund genug, um Kritik an der DFL zu äußern: „Wir sind nur Marionetten“, sagte er. „Wir sind alle im Kopf nicht frei, weil wir nach einer Infektion für den Rest unseres Lebens Lungenprobleme haben könnten.“ Solche Aussagen sind eine Seltenheit, sie kommen meist nur in Extremsituationen vor. 

Reden Silber, Schweigen Gold

Um dann noch den eigenen Klub oder die Sponsoren zu kritisieren, braucht es schon sehr viel Mut – und das Selbstbewusstsein, dass man sich keine Sorgen um die eigene Karriere machen muss. Die Kritik an der Fußballbranche, die André Schürrle letzten Sommer äußerte, kam bezeichnenderweise erst nach dessen Karriereende.

Für Spieler ist das ein Dilemma zwischen Moral und Karriere. Und sie entscheiden sich meistens für Letzteres. Denn wer schweigt, hat Ruhe, schädigt sein Image innerhalb der Branche nicht und behält vielleicht auch seinen Stammplatz. Reden ist Silber, Schweigen Gold.

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