In die Tiefe

Karriereende – und jetzt? Oliver Prudlo im Interview

Oliver Prudlo hat in seiner Karriere über 350 Spiele in der österreichischen Bundesliga absolviert und vier Meisterschaften gewonnen. Inzwischen ist er stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der Fußballer (VdF). nullzueins hat mit ihm über die Zeit nach der Profikarriere gesprochen, welche Herausforderungen auf die Spieler warten, wie die VdF hier helfen kann und was seine Zukunftsaussichten sind.

Oliver Prudlo hat in seiner Karriere über 350 Spiele in der österreichischen Bundesliga absolviert und vier Meisterschaften gewonnen. Inzwischen ist er stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung der Fußballer (VdF). Als Gewerkschaft der Fußballer*innen vertritt die VdF ihre Interessen und bietet auch Unterstützung während der Karriere. nullzueins hat mit ihm über die Zeit nach der Profikarriere gesprochen, welche Herausforderungen auf die Spieler warten, wie die VdF hier helfen kann und was seine Zukunftsaussichten sind.

Herr Prudlo, Sie haben mit fast 400 Profispielen und mehreren Meisterschaften eine beeindruckende Karriere hingelegt. Was hat sie schließlich dazu bewogen, ihre Karriere zu beenden?

Wir waren damals in meinen letzten Karrierejahren beim FC Tirol sportlich sehr erfolgreich, haben unter anderem noch drei Titel geholt. In der Folge ist dann aber der ganze Verein Opfer größenwahnsinniger Funktionäre geworden und ist in den Konkurs geschlittert. Das war damals 2002, da war ich 34 und hätte noch ein Jahr Vertrag gehabt und habe gewusst mit dem Alter, allzu lange wird’s nicht mehr gehen. Zusätzlich dazu kam dann der Konkurs mit dieser erfolgreichen Mannschaft. Ich habe mich dann gefragt, wo will ich nach dieser erfolgreichen Zeit hingehen, wo will ich weiterspielen? Dann habe ich noch ein zwei Gespräche geführt, es war aber schnell klar für mich, dass ich meine Karriere jetzt noch in der Regionalliga ausklingen lassen werde. Es wäre mir damals zu abrupt gegangen, von heute auf morgen gar nicht mehr zu spielen weil es ja auch nicht geplant war. Außerdem wollte ich nebenbei ein berufliches Standbein aufbauen, für die Zeit nach der Karriere. Es war schon ein wenig erzwungen damals, das kann man schon so sagen.

Was waren die Herausforderungen, die mit dem Karriereende auf Sie zugekommen sind?

Wir haben damals gutes Geld verdient und das reißt dann von einem Augenblick auf den anderen ab. Da musst du dir dann Gedanken machen, wie kann das jetzt weitergehen und dann schnell umschalten können. Ich glaub, dass mir das ganz gut gelungen ist, weil ich direkt im Anschluss noch ein wenig in der Regionalliga gespielt habe und gleichzeitig als Scout für eine Spielerberateragentur tätig war.
Da haben mir die Kontakte geholfen, die ich aus meiner aktiven Karriere gehabt habe, genauso wie ein Jahr später mein Einstieg bei der VdF, der Spielergewerkschaft. Ich war damals als Spieler schon immer sehr engagiert in dieser Richtung, war Spielersprecher, war im Spielerpräsidium und habe dann eben die Anfrage der VdF bekommen. Etwas, was man aber nur jedem Spieler raten kann, ist in der aktiven Zeit ein Netzwerk aufzubauen. Man kommt ja mit vielen Leuten zusammen, hat viele Kontakte. Deswegen habe ich selbst auch versucht, in der Branche zu bleiben, weil die Gesetze dort kennt man ja. Auf der anderen Seite ist es natürlich nicht für jeden möglich, denn so viele Arbeitsplätze, wie Spieler ihre Karriere beenden, gibt es im Fußball eben auch nicht.

Wie viele Spieler schaffen es denn nach der Karriere, in der Fußballbranche zu bleiben und welche Branchen werden sonst von den Ex-Profis favorisiert?

Man sieht ja, wie wenig Profi-Trainerjobs es in Österreich gibt. Das wäre grundsätzlich etwas, was viele Spieler vorhaben und als Plan haben. Aber letztlich sind es doch sehr geringe Prozentzahlen, die da reinkommen. Andere versuchen ins Sportmanagement zu kommen, werden Sportdirektor oder ähnliches. Aber auch hier sind die Jobs natürlich beschränkt. Sonst kann man gar nicht sagen, dass es einen Schwerpunkt gäbe auf bestimmte Branchen, das ist meist ganz unterschiedlich.     

Man hat als Fußballprofi ja einen geregelten Lebensrhythmus, unter der Woche Training, am Wochenende ein Spiel. Wie schwierig ist es, wenn dieser gewohnte Rhythmus wegfällt und man sich an ein „normales“ Leben gewöhnen muss?

Ja absolut, das ist für viele Spieler ganz schwierig. Wie sie sagen, man hat einen geregelten Ablauf, aber doch mit viel Freizeit dazwischen, wo man nicht irgendwo sein muss. Wenn du dann aber acht Stunden im Büro oder am Arbeitsplatz sein musst, ist das schon eine riesige Umstellung. Und natürlich fehlt dir das Zusammenkommen mit den Mitspielern in der Kabine, dort zu lachen und über Fußball zu reden. Dieses gemeinsame Erfolgserlebnis nach dem Spiel, aber auch über negative Erlebnisse sich austauschen zu können. Während der Karriere ist alles sehr intensiv und sehr spannend. Da gewöhnst du dich auch daran und musst nach der Karriere aber irgendwann erkennen, das gibt es nicht mehr so in dieser Intensität. Die Zeit vergeht so schnell und auf einmal bist du eben nicht mehr das, als was du dich immer gesehen hast. Jahrelang hast du dich damit identifizieren können, dass du Fußballprofi bist und auf einmal bist du es eben nicht mehr. Das ist für viele schon ein ziemlich harter Schnitt.

Bei vielen Zuschauer*innen herrscht immer noch das Vorurteil, man hätte nach einer Profikarriere Millionen verdient und finanziell ausgesorgt. Gerade in einem kleinen Fußballland wie Österreich, wie stellt sich hier die Situation denn realistisch dar?

Ein gutes Symbol dafür ist, wie froh wir sind als VdF, dass wir im Kollektivvertrag einen Mindestlohn etabliert haben, der nun bei 1500 Euro brutto liegt. Das sagt ja schon alles, weil dieser für sehr viele Spieler eine Hilfestellung ist, weil sonst würden sie sogar weniger als das verdienen. Wir wissen natürlich, es gibt auch in Österreich Vereine, bei denen man sehr gut verdienen kann und damit auch Spieler, die sehr gut verdienen, keine Frage. Aber die große Masse kann sich mit ihrem Verdienst kaum etwas für später aufbauen. Wir machen jedes Jahr, letztes Jahr ist es wegen Corona leider ausgefallen, das VdF-Camp für vereinslose Fußballprofis. Dort sind wir direkt mit diesen Zahlen konfrontiert. Als Beispiel, da beginnt jemand als 20-jähriger Spieler etwas Geld zu verdienen, schafft es vielleicht in eine Kampfmannschaft in der Bundesliga, setzt sich dort aber nicht durch und wird dann mit 22 abgegeben zu einem Zweitligisten. Beim Bundesligisten hat er nicht viel Geld verdient, beim Zweitligisten auch nicht. Dann setzt er sich in der zweiten Liga ganz gut durch und spielt dort sechs-sieben Jahre und mit 29 geht er schließlich in die Regionalliga. Jetzt hat er aber nirgends soviel Geld verdient, dass er sich damit wirklich eine Existenz hätte aufbauen können. Gleichzeitig verliert er gegenüber seinen Alterskollegen in der Hinsicht auf eine, sozusagen zivile berufliche Laufbahn, viele Jahre. Man muss sich also schon sehr genau überlegen, wie man diese Schiene einschlagen will und vor allem muss man sich frühzeitig überlegen, was macht man danach.

Heutzutage haben viele bekannte Profis, u.a. Robert Lewandowski oder Giorgio Chiellini hohe akademische Abschlüsse. Inwiefern kann man die Bildungschancen denn heute zu ihrer Zeit als Profi vergleichen?

Früher war ein Studium mit viel Präsenzzeit verbunden. Ich glaube nicht, dass früher, außer ein Professor war mal ein besonderer Fußballfan, große Rücksicht auf die Spieler genommen wurde. Da haben sich Studienzeiten, Trainingszeiten und Spielzeiten nicht miteinander vereinbaren lassen. Im Vergleich zu meiner Zeit sind die Möglichkeiten heute viel breiter. Durch das E-Learning und das Internet sind ganz andere Möglichkeiten gegeben, sich weiterzubilden. Als Fußballer war das früher kaum möglich. Also zu meiner Zeit hat es vielleicht ein oder zwei gegeben, die ein Studium abgeschlossen haben, aber das waren schon richtig helle Köpfe. Also ich hätte das damals nicht gekonnt, ich hätte das nicht geschafft.

Wie kann da die VdF den Spieler*innen weiterhelfen?

Wir arbeiten da zusammen mit der FIFPro, das ist die weltweite Organisation der Spielergewerkschaften, die ein tolles Studium über Sportmangement anbieten über eine Universität in Dänemark, alles online. Dort wird individuell auf die Spieler eingegangen und auch einmal eine Prüfung verschoben, wenn ein Spiel ansteht. Ist eine tolle Sache, wäre aber früher total undenkbar gewesen. Abgesehen davon, waren früher auch die technischen Möglichkeiten nicht gegeben. Also das ist heute schon eine große Möglichkeit für viele Spieler. Wobei man sagen muss, wenn es jemand wirklich schafft, ein Studium während der Karriere zu machen, um den muss man sich sowieso keine Sorgen machen. Der wird seinen Weg ziemlich sicher gehen.

Und Spieler die keinen akademischen Abschluss schaffen?

Wir erleben im Arbeitslosencamp viele Spieler, die tun sich sehr schwer, sich überhaupt mit dem Thema auseinanderzusetzen. Nämlich damit, welchen Beruf sie nach der aktiven Karriere ergreifen könnten. Da sehen wir es als unsere Verpflichtung, denen klar zu machen, dass sie darüber nachdenken müssen. Wir sehen oft Spieler, die konfrontieren wir mit dem Thema und die sind im ersten Augenblick total überfordert, weil sie über die Thematik überhaupt noch nicht nachgedacht haben. Da hoffen wir schon, dass wir ein bisschen was in die Köpfe hineinsetzen können. Wir machen auch regelmäßig Aussendungen, wo wir die Spieler auf die Partner hinweisen, die wir haben. Und eben immer wieder gebetsmühlenartig erwähnen, macht euch regelmäßig Gedanken über eure berufliche Laufbahn nach der Karriere, weil die kann schnell vorbei sein. Es kann eine Verletzung sein und schon ist das Karriereende da. Außerdem ist der Profifußball ein enormer Konkurrenzkampf. Es drängen jedes Jahr eine große Zahl an jungen Spielern auf den Markt, die auch ihre Chance nutzen wollen und mit relativ wenig Gehalt versuchen, in den Profifußball einzusteigen. Wodurch ein großer Druck auf diejenigen entsteht, die schon ein paar Jahre im Geschäft sind.

Wo sehen sie bei der Ausbildung der Profis noch Verbesserungen, um sie besser auf die Zeit nach der Karriere vorzubereiten?

Was von uns ein großes Anliegen ist, ist, dass in den Akademien den Spielern ein breiteres Bildungsprogramm ermöglicht werden soll. Heute ist es ja so, dass die Jungs alle in die Schule gehen. Die gehen ins Gymnasium oder in eine Handelsakademie. Ich bin in den 80ern in eine Mannschaft gekommen, den Wiener Sportclub, da hat jeder eine berufliche Ausbildung gehabt. Das müsste doch auch heute möglich sein. Nur mit der schulischen Ausbildung allein, die nach der Karriere auch schon mehr als zehn Jahre zurückliegt, wird der Spieler nicht recht attraktiv sein für einen potenziellen Arbeitgeber. Ich weiß, dass das nicht so leicht zu organisieren ist, aber ich könnte mir vorstellen, dass es den beruflichen Einstieg nach der Karriere erheblich erleichtern würde.

Die VdF schlägt in ihrem Leitbild ja auch ein Vorsorgesystem für Profis vor, wie ist das gedacht?

Also das eine, in gesundheitlicher Hinsicht, ist der Bereich Versicherungen, um den Spielern auch klar zu machen, eine Verletzung kann schnell passieren, sichert euch gut ab. Das andere große Thema, neben dem Kollektivvertrag und dem Camp für arbeitslose Fußballer, wäre die Einführung eines nennen wir es Vorsorgesystems, einer Pension für Fußballer, wo dem Spieler jeden Monat ein Teil seines Gehalts abgezogen wird. So, dass der Spieler auf das Geld zum Karriereende zugreifen kann und damit eine Art Übergangspension hat, wodurch er für den Übergang aus der sportlichen Karriere in eine andere berufliche Laufbahn abgesichert ist.

Im Frauenfußball ist es sogar während der Karriere schon so, dass das finanzielle Überleben für die Spielerinnen sehr schwierig ist. Wo müssten man ihrer Meinung nach ansetzen, um hier die Schere zwischen dem Frauen- und Männerfußball zu schließen?

Ich denk mir, da geht es hauptsächlich darum, wie gut lässt sich das Ganze vermarkten, denn wenn der Frauenfußball für Werbepartner nicht so interessant ist, aus welchen Gründen auch immer, dann wird das sehr schwer hier die Schere zu schließen. Es gibt in Österreich ja auch nur sehr wenige Frauen, die Profis sind.

Was sind abschließend ihre Wünsche, was sich in den nächsten Jahren zum Thema Karriereende verändern sollte?

Ich wünsche mir, dass wir die Spieler noch besser erreichen, dass sie noch früher über ihre berufliche Karriere nach dem Fußball nachdenken. Es gibt inzwischen Studien aus anderen Sportarten, die belegen, dass Sportler die eine duale Ausbildung machen, auch eine bessere sportliche Leistung bringen, weil sie mit mehr Selbstbewusstsein und weniger Druck und Existenzangst an ihren Sport herangehen können. Und da wünsche ich mir eben, dass das noch mehr in die Köpfe der Spieler hineingeht.

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