In die Tiefe

Das Draft-System: Ein Modell für den europäischen Fußball?

Am Ende dieser Saison streckt der FC Bayern München vermutlich zum neunten Mal in Folge die Meisterschale in die Höhe – Spannung? Fehlanzeige. Anders sieht es im US-amerikanischen Profisport aus. Es wird Zeit, einen genauen Blick auf das in den USA etablierte Draft-System zu werfen.

Am Ende dieser Saison streckt der FC Bayern München vermutlich zum neunten Mal in Folge die Meisterschale in die Höhe – Spannung? Fehlanzeige. Anders sieht es im US-amerikanischen Profisport aus. Es wird Zeit, einen genauen Blick auf das in den USA etablierte Draft-System zu werfen.

Dieser Text ist ein Gastbeitrag der Jungs vom Podcast „Die Zukunft des Fußballs„. In der aktuellen Folge sprechen sie mit Niko Backspin über die Einführung eines Draft-Systems im europäischen Fußball.

Bert Bell hatte 1935 genug davon, dass jedes Jahr die gleichen Teams in der National Football League (NFL) um den Titel spielten. Um diese Vormachtstellung zu brechen, stellte er mit als Mitbesitzer der Philadelphia Eagles den Antrag auf ein Draft-System für College-Spieler: „Ich kam zu dem Schluss, dass diese Liga niemals überleben würde, wenn nicht jedes Team gleiche Chancen auf die größten Talente bekommt. Die Liga ist nicht stärker als ihr schwächstes Glied und in jedem Jahr wurden die Reichen reicher und die Armen ärmer. Die erfolgreichen Teams sind im freien Markt natürlich interessanter für die College-Spieler.“ Am 8. Februar 1936 fand daraufhin der erste Draft in der Geschichte des US-amerikanischen Sports statt.

Wie funktioniert der Draft?

Im amerikanischen Sportsystem ist es üblich, dass die Nachwuchsförderung in den Händen von Universitäten und Colleges im ganzen Land liegt. Dort entwickeln sich die talentierten Spieler in den jeweiligen Teams, bis sie an der Schwelle zum Profisport stehen. Dieser Übergang geschieht dann durch den Draft. Dabei sind oft hunderte von Talenten im Pool und können von den Profi-Teams ausgewählt („gepickt“) werden. 

Um ein sportliches Gleichgewicht innerhalb einer Liga zu gewährleisten, dürfen die Teams, die in der vorangegangenen Saison am schlechtesten abgeschnitten haben, zuerst einen Spieler wählen. In umgekehrter Reihenfolge folgen die anderen Teams, die sportlich erfolgreichsten Teams wählen also zum Schluss. Dieses Vorgehen wird über mehrere Runden wiederholt, bis eine bestimmte Anzahl von Spielern gepickt wurde.

Diese Vorgehensweise hat ihren Anteil daran, dass die amerikanischen Profiligen von hoher Spannung geprägt sind. So gab es beispielsweise in der NFL in den letzten zehn Jahren acht verschiedene Sieger.

Warum ein Draft-System in Europa interessant wäre…

In den Top-Ligen des europäischen Spitzenfußballs sieht das anders aus: Juventus Turin hat die Serie A zuletzt neunmal in Serie gewonnen, der FC Bayern konnte die Bundesliga achtmal hintereinander auf Platz 1 beenden. PSG gewann die League 1 in sechs der vergangenen sieben Jahre und in Spanien teilen sich Real Madrid und der FC Barcelona 14 der letzten 15 Titel. Die Kräfteverhältnisse im europäischen Fußball sind demnach unausgeglichener und führen im Titelkampf oft schlichtweg zu Langeweile.

Hier könnte ein Draft-System gegensteuern: Wenn es schwächeren Teams gestattet wird, ein Zugriffsrecht auf vielversprechende Talente auszuüben, könnten sich diese Teams substanziell verbessern und den sportlichen Wettkampf ausgeglichener gestalten. Das würde zu mehr Spannung und einem höheren Unterhaltungswert führen.

Für die Talente könnte der Draft ebenfalls von Vorteil sein. Denn je schwächer das Team ist, von dem sie gepickt werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die jungen Spieler direkt eine sportliche Verstärkung für die Mannschaft darstellen. Demgegenüber stehen große und erfolgreiche Clubs, die ihre Talente oftmals jahrelang in der zweiten Mannschaft oder auf der Ersatzbank parken. 

… und was die Einführung eines Draft-Systems so schwer macht

Trotz dieser Vorteile wäre es nicht einfach, ein Draft-System in den europäischen Fußball zu integrieren. Das vielleicht offensichtlichste Problem stellt dabei die Ligenstruktur dar: Anders als in den amerikanischen Profisportarten gibt es in Europa keine geschlossenen Ligen. Stattdessen können Vereine in die Bundesliga auf- und aus ihr absteigen. An dem Punkt wird es kompliziert, die Vereine in umgekehrter Reihenfolge picken zu lassen. Darüber hinaus sind talentierte Spieler in Europa nicht im universitären Sportsystem zu finden, sondern entwickeln sich im organisierten Vereinssport.

Neben dieser strukturellen Unterschiede zu den USA existieren weitere Hürden: Wenn nur die Bundesliga ein Draft-System einführt, besteht das deutliche Risiko, dass junge Talente einfach zu ihrem Wunschverein ins Ausland wechseln statt zu dem Bundesligaverein, der sie ausgewählt hat. Es bräuchte deshalb eine UEFA-weite Lösung, die wiederum die nationalen Gesetze der einzelnen Staaten nicht verletzen darf.

Apropos Gesetze: Auch mit Blick auf das EU-Recht gibt es große Bedenken. Insbesondere die in der EU gewährleistete Arbeitnehmerfreizügigkeit steht im krassen Gegensatz zu einem Draft, bei dem die Auswahl des potenziellen Arbeitgebers stark eingeschränkt wird. Und je weiter man ins Detail geht, desto mehr rechtliche Hürden und Probleme lassen sich identifizieren.

Wie es trotzdem funktionieren könnte

Trotz dieser Schwierigkeiten gibt es mehrere Wege, die zum Draft-System im Profifußball führen könnten. Einer davon ist die European Super League. Diese Liga, die von den meisten Fußballfans in Europa als Dystopie betrachtet wird, würde wahrscheinlich als geschlossenes System ohne Absteiger funktionieren. Wenn sie von einem zentralen Träger organisiert und lizensiert wird, könnte innerhalb dieses Konzeptes ein Draft-System gut vorstellbar sein. Denn schließlich lebt auch die Attraktivität der Super League von einem spannenden sportlichen Wettbewerb zwischen den Teams.

In Folge 19 unseres Podcasts „Die Zukunft des Fußballs“ besprechen wir dieses Szenario. Dabei mutmaßt unser Gast, Niko Backspin, dass der Weg eines Profis so aussehen könnte: Wenn Spieler der in den nationalen Ligen verbliebenen Vereine das sportliche Niveau erreichen, um für die Super League-Teams interessant zu sein, können sie sich für den Draft anmelden. Es wäre also den Spielern überlassen, ob und wann sie in die Super League wechseln wollen. Die genaue Auswahl des Vereins ist indes gemäß der Natur des Drafts nicht möglich.

Wir diskutieren in jener Folge aber auch einen Weg, der unabhängig von der Super League ist. So wäre es theoretisch denkbar, dass auch in der bestehenden Ligenstruktur durch die UEFA europaweit nationale Draft-Systeme etabliert werden. Zunächst müssten sich die Ligen auf ein einheitliches Mindestalter verständigen, ab dem Talente im Profibereich spielberechtigt sind. In Deutschland liegt dieses Mindestalter bei 16 Jahren. Im nächsten Schritt müssten alle talentierten Nachwuchsspieler, die im Alter von 12-14 Jahren noch ernsthafte Ambitionen auf eine Profikarriere haben, dem jeweiligen nationalen Fußballverband zugeschrieben werden. Dabei verbleiben die Spieler bei ihren Vereinen, die Transferrechte gehen aber an die Verbände. Dafür ist den Vereinen eine Aufwandsentschädigung zu zahlen, die sich beispielsweise aus den nationalen TV-Erlösen generieren lässt. Ab dem Jahr, in dem die Spieler das 16. Lebensjahr vollenden und die Spielberechtigung erhalten, können sich die Spieler für den nationalen Draft anmelden. 

Es draften die Vereine aus den ersten beiden Ligen. Dabei gilt, wie im US-Sport, die umgekehrte Reihenfolge. Der erste Pick liegt also beim letzten Aufsteiger aus der dritten in die zweite Liga. In Deutschland wäre das in diesem Jahr Eintracht Braunschweig, während Bayern München zuletzt pickt. Aus juristischen Gründen kann es sinnvoll sein, dass alle Vereine innerhalb eines nationalen Draft-Systems den Picks einen einheitlichen Vertrag anbieten, sodass es dort keine Vor- oder Nachteile gibt. Diese Verträge könnten einheitlich auf ein Jahr begrenzt sein. Nach diesem Jahr werden die Talente in das reguläre Transfersystem überführt und können frei wechseln, wie es heute bereits der Fall ist.

Auf diese Weise hätten vermeintlich kleinere Vereine die Gelegenheit, Toptalente zeitweise an sich zu binden. Im konkreten Beispiel dieser Saison wäre vielleicht Youssoufa Moukoko für ein Jahr nach Braunschweig gegangen. Gelingt es – um im Beispiel zu bleiben – den Braunschweigern, Moukoko mit einem Anschlussvertrag auszustatten, können erhebliche Transfererlöse einen weiteren Vorteil für kleine Teams darstellen.

Kommt das Draft-System?

In naher Zukunft erscheint es unwahrscheinlich, dass ein Draft-System im europäischen Profifußball eingeführt wird. In den bestehenden Strukturen wären erhebliche Umwälzungen nötig, damit das System den gewünschten Effekt haben kann. Derlei Reformpläne würden vermutlich nicht nur bei den Topklubs auf große Widerstände stoßen. Das Gedankenspiel eines mit einer Super League verbundenen Draft-Systems mag hingegen schon wahrscheinlicher sein; aber auch hier gibt es juristische Herausforderungen, die zunächst gelöst werden müssten. Für beide Szenarien gilt: Der Weg bis zum ersten Draft-Day ist noch sehr weit.

Entwicklungen, Visionen, Utopien: Im Podcast „Die Zukunft des Fußballs“ besprechen die Autoren Arndt-Philipp Ohms und Dennis Heymann alle möglichen Themen zum runden Leder. In der 19. Folge behandeln sie das Draft-System. Dabei sprechen sie über die Probleme, die mit dem System einhergehen und über die Vorteile, die es mit sich brächte. Als Gast bringt sich Niko Backspin, bekannter Hip-Hop-Journalist, Fußball-Enthusiast und offizieller Markenbotschafter der NFL in Deutschland, in der Folge ein. 

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