Nostalgie

Der Mythos um Damir Desnica

Damir Desnica wurde 1984 im Europa Cup gegen Real Madrid vom Platz geschickt, weil er angeblich protestiert hätte. Er selbst sagte: „Das ist unmöglich, ich kann ja gar nicht sprechen.“ Was war passiert? Der Mythos um den gehörlosen Fußballer und das manipulierte Spiel.

Damir Desnica wurde 1984 im Europa Cup gegen Real Madrid vom Platz geschickt, weil er angeblich protestiert hätte. Er selbst sagte: „Das ist unmöglich, ich kann ja gar nicht sprechen.“ Was war passiert? Der Mythos um den gehörlosen Fußballer und das manipulierte Spiel.

Mittwochabend, 21 Uhr. Es ist eine dieser Europapokalnächte. Das Santiago Bernabéu erstrahlt im Scheinwerferlicht der Flutlichtmasten, auf den Tribünen warten 55.000 auf das Rückspiel im Europa Cup. Es ist die zweite Runde des Wettbewerbs, Real Madrid empfängt einen kleinen kroatischen Klub von der Mittelmeerküste, den HNK Rijeka.

Die Kroaten aus der ersten Jugoslawischen Liga waren bis dahin zwar international noch nicht groß in Erscheinung getreten, die Königlichen konnten sie im Hinspiel dennoch schocken. Mit 3:1 siegte Rijeka vor heimischem Publikum. Für Real bedeutet das, dass sie mindestens mit zwei Toren Unterschied gewinnen müssen. Für Rijeka ist es eine einmalige Chance. 

Kartenflut und Enttäuschung

Anpfiff. Es ist von Anfang an ein hart umkämpftes Spiel, nach zehn Minuten hat Schiedsrichter Roger Schoeters bereits drei Gelbe Karten vergeben. Bis zur Halbzeitpause hält die Defensive der Gäste aber, es steht 0:0. Nur gibt es ein Problem für Rijeka. Der Underdog spielt schon seit Minute 34 in Unterzahl, Verteidiger Nenad Milenkovic musste mit Gelb-Rot vom Feld.

Dann, nach 67 Minuten, das 1:0, Reals Juanito trifft vom Punkt. Es folgen ein zweiter Platzverweis für Rijeka sowie das zweite und dritte Gegentor. Am Ende spielen die Gäste sogar nur noch zu acht – und Real Madrid zieht ins Achtelfinale des UEFA-Cups ein. Die Königlichen werden später auch das Finale gewinnen.

Sperre ohne Worte

Es ist also nicht die Geschichte vom kleinen HNK Rijeka, dass die glorreichen Madrilenen besiegt, nicht das Pokalwunder David gegen Goliath – und doch sollte dieser Abend vor allem in die kroatischen Geschichtsbücher eingehen.

Denn die eigentliche Geschichte, die den kroatischen Fußball bis heute beschäftigt, spielte sich in der 74. Minute ab. In den Hauptrollen: Rijekas Ballzauberer und linker Flügel Damir Desnica sowie Schiedsrichter Schoeters. Der belgische Unparteiische schickt Rijekas wichtigsten Mann in der entscheidenden Phase des Spiels zum Duschen. Nachdem Desnica bereits nach zehn Minuten ein erstes Mal verwarnt worden war, bekommt er eine Viertelstunde vor Schluss die zweite Verwarnung. Wegen eines Einspruchs beim Schiedsrichter, wie Desnica später erzählt. Klingt nachvollziehbar – wäre Desnica nicht gehörlos. Seit seiner Geburt kann er weder sprechen noch hören. 

Gott nahm mein Gehör, gab mir aber Talent und Liebe zum Fußball.

Damir Desnica

Desnica zog bereits als Kind nach Rijeka, weil es dort eine Sonderschule für Gehörlose gab. Der heute 64-Jährige macht lediglich Geräusche. Andere versteht er nur durch Gebärdensprache oder Lippen lesen. Desnica entschied sich trotz seines Handicaps fürs Fußballspielen – und das zurecht. In Rijeka gilt er für viele als der beste Spieler der Vereinsgeschichte, in elf Jahren lief er über 500-mal für den Klub auf und holte zweimal den jugoslawischen Pokal. Kroatische Zeitungen schrieben Lobeshymnen auf ihn, vergleichen ihn heute mit Lionel Messi oder nennen ihn in einem Satz mit Luka Modric, der aus demselben Ort wie Desnica stammt.

Für eine große Karriere hätte er wohl zu den großen, damals noch jugoslawischen, Vereinen Roter Stern, Partizan Belgrad, Hajduk Split oder Dinamo Zagreb wechseln müssen. Dazwischen stellten sich teilweise Verletzungen. Oder er hatte einfach „keine Lust“, Rijeka zu verlassen, wie er im Interview mit der kroatischen Zeitung Večernji list sagte. 

Probleme mit seiner Behinderung hatte er selten. Auch auf dem Platz schien es kein Nachteil für sein Spiel zu sein. Er fühlte das Feld, sagt man. Anhand der Bewegungen seiner Spieler nahm er wahr, was als nächstes passieren würde. „Gott nahm mein Gehör, gab mir aber Talent und Liebe zum Fußball“, sagte er einmal. 

Und mehr als Fußball gab es für Desnica auch nicht. In einer Reportage über ihn selbst erzählte er: „Ich lebe nur für den Fußball, andere Hobbys habe ich nicht. Das Einzige, das ich in meiner Freizeit mache, ist Fußball auf Video zu schauen.“

Wir hatten das Gefühl, dass Madrid immer von den Schiedsrichtern bevorzugt wurde. Es war ein skandalöser Raub.

Damir Desnica

Seinen größten sportlichen Erfolg hat er an diesem einen angesprochenen Mittwochabend im Santiago Bernabéu verwehrt bekommen, wie er selbst findet. 2011 sagte er der spanischen Zeitung AS in einem Interview, Referee Rodger Schoeters hätte ihnen „die größte Illusion der Karriere“ genommen. Für ihn war klar, dass seine Mannschaft verpfiffen wurde: „Wir hatten das Gefühl, dass Madrid immer von den Schiedsrichtern bevorzugt wurde. Es war ein skandalöser Raub.“ 

Gerade um seinen Platzverweis gab es eben großen Wirbel. Manche behaupten, er sei einfach wegen „dreisten Zeitspiels“ geflogen, andere sprechen von einem angeblichen Einspruch, einem Protest beim Schiedsrichter. Damit nähren sie die Legende vom gehörlosen Fußballer Damir Desnica, der wegen eines Einspruchs die Rote Karte sah. Er selbst sagte gegenüber AS: „Ich wurde wegen Protestes ausgewiesen. Aber das ist unmöglich, ich kann ja gar nicht sprechen.“

In seiner Heimat erzählt man sich diese Legende heute noch, es ist eine Kultgeschichte über einen außergewöhnlichen Fußballer aus Kroatien.

Zurück nach Rejika

Desnica zog es anschließend nach elf Jahren Rejika Richtung Belgien weiter. Weil er nach dem Zerfall Jugoslawiens all sein Geld bei einer Bank in Zagreb verlor, bei der mehrere Millionen US-Dollar Spareinlagen auf ungeklärte Weise verschwanden, spielte er noch bei einer Reihe von kleineren Klubs, um seine Familie zu ernähren. 

Anfang der 2000er Jahre bot der HNK Rijeka ihrer Vereinslegende noch einen Job an, da sie ohne Einkommen da stand. „Ich hatte nichts zu arbeiten und meine Frau auch nicht. Ich war verzweifelt. Der Klub half mir, indem er mir anbot, Hausmeister zu sein.“ 

Seither repariert Desnica die Glühbirnen in dem Stadion, in dem er früher mit seinen Dribblings begeisterte.  

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