In die Tiefe

Homosexualität in anderen Sportarten: Ein Vorbild für den Fußball?

Wie wird in Sportarten außerhalb des Fußballs mit Homosexualität und Homophobie umgegangen? Wo liegen im Tennis, Rugby, American Football und Co. die Schwierigkeiten für queere Sportler und was kann der Fußball davon lernen?

Wie wird in Sportarten außerhalb des Fußballs mit Homosexualität und Homophobie umgegangen? Wo liegen im Tennis, Rugby, American Football und Co. die Schwierigkeiten für queere Sportler und was kann der Fußball davon lernen?

Tennis:

Das Outing im Profisport ist nicht nur im Fußball ein schwieriges Thema. Auch im Tennis hat es bis ins Jahr 2017 gedauert, bis sich mit Brian Vahaly ein ehemaliger Top-100 Spieler öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte. Im Gespräch mit der Sports Illustrated sagte er zu seinem Coming-Out: „Es geschah nicht, bis ich das Spiel verlassen habe und mir klar wurde, welche Person ich bin, wohin ich gehe, ob ich glücklich bin. Ich musste mit meiner Sexualität zurechtkommen, das war nicht einfach, vor allem, wenn man einen sportlichen Hintergrund hat. Es war eine lange Lernkurve, bei der ich glücklich bin, dass ich nun auf der anderen Seite bin. Das neue Normal ist aufregend und schön, aber es war schwer, das durchzumachen.“

Vahaly spricht ebenfalls davon, dass es heutzutage um einiges einfacher wäre, sich im Profi-Tennis zu outen, da die Gegebenheiten weit freundlicher seien als noch in den 2000er Jahren. Damals wurde man schon stigmatisiert, wenn man nur mit Homosexuellen befreundet war, führte er weiter aus.

Bei den Damen scheint Homosexualität längst kein Tabuthema mehr zu sein. Große Namen, wie Billie Jean King oder Martina Navratilova, bereiteten mit ihrem Outing den Weg für die heutigen Spielerinnen. Alison van Uytvanck und Richel Hogekamp sind nur zwei Beispiele von mehreren Spielerinnen auf der WTA-Tour, die während ihrer Karriere schon offen mit ihrer Homosexualität umgehen.

Auch die Superstars im Herren-Tennis sprechen sich für mehr Offenheit und Vielfalt aus. Roger Federer sagte etwa in einem Interview, angesprochen darauf, warum sich kein aktiver Spieler outet: „An sich wäre das kein Problem. Ich weiß auch nicht, warum es bislang noch keinen gab, der das gemacht hat. Gibt es niemanden oder wollten sich einige Spieler einfach nicht bekennen? Ich denke, es wäre völlig akzeptiert.“ Außerdem fügte er hinzu: „Es kommt doch nicht darauf an, wo du herkommst oder wie du tickst. Man sollte offen sein. Ich denke, du fühlst dich immer besser, wenn du ehrlich mit den Dingen umgehst. Wir sollten uns sowieso alle gegenseitig unter die Arme greifen.“

Angesprochen darauf, was dem Herren-Tennis noch fehle, um ein Umfeld zu schaffen, indem man sich gefahrlos outen könnte, sagte Andy Murray im Gespräch mit dem LGBTQ-Magazin Pride Life „Ich denke, dass es immer noch ein Stigma gibt, was nicht so sein sollte.“ Der Sport müsse so weit kommen und eine Kultur schaffen, in der jede Stimme gehört werde. „Es hilft bei der Frauentour, dass einige der größten Namen, die je gespielt haben, homosexuell sind. So wird es akzeptabel und ist nicht länger etwas, vor dem sich jemand scheuen oder verstecken muss. Im Männertennis verläuft der Prozess viel langsamer.“

Rugby:

Auch hier findet man also Parallelen zum Fußball, wo das Thema Homosexualität bei den Frauen ganz anders behandelt wird, als bei den Männern. Ebenfalls spannend ist die Situation in Sportarten, die schon von sich aus ein archaisches Männlichkeitsbild vermitteln, wie etwa Rugby.

Dort setzte 2019 der australische Verband ein wichtiges Zeichen gegen Homophobie. Sie schlossen ihren Starspieler, Israel Folau, wegen wiederholt homophoben Äußerungen aus der Nationalmannschaft aus. Er hatte auf Instagram ein Bild gepostet, auf dem zu lesen war, dass auf Atheisten, Betrunkene, Lügner, Diebe und eben Homosexuelle die Hölle warte – nur Jesus könne noch helfen, dieses Schicksal abzuwenden. Es war nicht die erste Äußerung des streng gläubigen Folau gegen Homosexuelle.

Der Trainer der Australier sprach davon, dass Rugby für alle Australier da sei und verdiene, von allen unterstützt zu werden. Kein Platz also für homophobe Äußerungen. Neben dem Ausschluss aus der Nationalmannschaft verlor Folau auch fast alle Sponsoren, was ihn trotzdem nicht von seinen Überzeugungen abbrachte. Wenn sein Glaube, ja wenn Gott es ihm auftrage, die Dinge so zu sehen, wie er sie sieht und mitteilt, dann müsse das so sein, äußerte er.

Der Ausschluss aus der Nationalmannschaft war ein wichtiges Zeichen. Aber auch der Rugby-Sport hat noch einen weiten Weg vor sich. Homophobe Äußerungen während der Spiele gehören, ähnlich wie im Fußball, immer noch zum Alltag und gehören für viele Fans einfach dazu. Die Angst mit einem Coming-Out im Team nicht mehr akzeptiert zu werden und damit seine Karriere zu zerstören, hielt deswegen lange Zeit viele davon ab, zu ihrer Sexualität zu stehen.

2020 sollte schließlich aber ein kleiner Wendepunkt in dieser Entwicklung sein. Nicht nur einer, sondern gleich mehrere Profi-Spieler hatten ihr Coming-Out. Im September outete sich der junge Brite Levi Davis, im Oktober folgte ihm dann Dan Palmer, wenn auch erst nach seinem Karriereende und schließlich kam Anfang Januar 2021 auch noch der US-Amerikaner Devin Ibañez hinzu.

Ibañez sagte dazu: „Ich habe beschlossen, das, wofür ich mich einst schämte, anzunehmen und stolz und schambefreit ich selbst zu sein. Ich habe sogar einige Nachrichten von Spielern erhalten, die in denselben Teams wie ich gespielt haben und mir ein bisschen ihre eigenen Geschichten erzählt haben. Und genau das ist es, was ich wirklich will. Mit denen in Kontakt treten, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, und hoffentlich diejenigen inspirieren, die die gleichen Dinge durchmachen.“

American Football:

Auch im American Football, einer ähnlich archaischen Sportart, gibt es inzwischen einen Spieler, der sich geoutet hat. 2019 gab Ryan Rusell, der unter anderem für die Dallas Cowboys und die Tampa Bay Buccaneers auflief, bekannt, dass er bisexuell ist. In einem persönlichen Statement, dass bei ESPN veröffentlicht wurde, schrieb er unter anderem, wie viel Mut und Kraft es ihn gekostet hätte, sich selbst zu akzeptieren und offen mit seiner Sexualität umzugehen. Während seiner Football-Karriere habe er ständig in der Angst gelebt, dass ihn jemand mit einem Mann erwischt und öffentlich outet.

Erst nach mehreren Schicksalsschlägen, dem Tod seines Freundes und eigenen Depressionen schaffte er es, sein Versteckspiel aufzugeben. „Das Leben ist zu kurz, um etwas Anderes zu tun, als das was ich liebe,“ sagte er dazu.

Laut dem queeren Ex-Profi Ryan O’Callaghan ist in jedem NFL-Team mindestens ein homo- oder bisexueller Spieler. Sie würden sich aber nicht outen, weil sie Angst hätten, Sponsoren oder ihren Platz im Kader zu verlieren.

O’Callaghan kritisiert auch die NFL, die nur wenig Support für die LGBTQ-Community leiste. Nur die Pride-Parade in New York zu sponsern, reiche nicht aus, man müsse ausreichende Ressourcen für die Community zur Verfügung stellen.“Es braucht ein Coming-Out von einem bekannten Profi, der noch aktiv spielt, um wirklich einen Unterschied zu machen,“ sagt O’Callaghan.

Auch in den anderen Major-Ligen in Amerika geht es nur langsam voran. Der MLS-Profi Robbie Rogers war 2013 der erste öffentlich homosexuelle Spieler, der in einer der großen amerikanischen Ligen aktiv spielte. Im selben Jahr folgte ihm dann der NBA-Spieler Jason Collins. Die NFL wartet dagegen immer noch auf den ersten aktiven queeren Profi.

Ryan Rusell aber ist zuversichtlich für die Zukunft: „Als nächstes wird es ein Spieler mit Profivertrag sein, dann ein Pro Bowl Spieler und dann ein Super Bowl Champion.“

In vielen Sportarten ist also eine Entwicklung in Richtung mehr Offenheit gegenüber Homosexualität zu sehen. Nimmt man die genannten Sportarten als Maßstab, dann scheint es auch im Fußball nur mehr eine Frage der Zeit, bis sich der erste bekannte Spieler zu einem Coming-Out entscheidet. Wollen die Verbände dies unterstützen, so steht aber noch eine Menge Arbeit an, um Homophobie und Stigmatisierungen im Fußball abzubauen.

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