In die Tiefe

Homosexualität im Fußball: immer noch ein Tabuthema

Offen homosexuelle Fußballprofis gibt es bei den Männern wenige. In Deutschland hat sich bisher kein aktiver Spieler in der Öffentlichkeit geoutet. Woran liegt das? So sieht die Situation im deutschen Fußball aktuell aus.

Offen homosexuelle Fußballprofis gibt es bei den Männern wenige. In Deutschland hat sich bisher kein aktiver Spieler in der Öffentlichkeit geoutet. Woran liegt das? So sieht die Situation im deutschen Fußball aktuell aus.

Profifußball ist heute immer noch Männersache. Beziehungsweise „Männersache“. Der Männerfußball galt und gilt noch für einige als „schwulenfreie Zone“. Schwule könnten nicht Fußball spielen, sie seien nicht männlich genug, nicht hart genug. Es gibt sie nicht. Nicht im Fußball. 

Hinter dieser Aussage standen einige Fußballer und Trainer bis ins 21. Jahrhundert hinein. Werner Gregoritsch zum Beispiel, Trainer der österreichischen U21-Nationalelf (und Vater von Augsburgs Michael Gregoritsch), sagte 2011, dass schwule Fußballer für ihn „undenkbar“ wären. „Für mich selbst ist es etwas Unnatürliches“. Oder der ehemalige Bundesligatrainer Christoph Daum, der 2008 sagte: „Ich hätte da wirklich meine Bedenken, wenn dort von Theo Zwanziger (Ex-DFB-Präsident, Anm. d. Red.) irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten. Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen“. Nun sind diese Aussagen schon ein paar Jahre her und wurden getroffen, bevor sich mit Thomas Hitzlsperger ein Ex-Nationalspieler outete. Doch ein paar Menschen werden auch heute noch dieser Meinung sein.

Nun ist das natürlich kein Problem, das nur den Profifußball betrifft, es betrifft die gesamte Gesellschaft. Und wie die Entwicklung in der Gesellschaft, so eben auch im Fußball. Doch hat der Profisport eigentlich eine Vorbildsfunktion. Während das Thema Diversität in der Gesellschaft mehr und mehr ankommt, während viele homosexuelle Durchschnittsbürger*innen sowie Prominente offen zu ihrer Neigung stehen können, läuft der Fußball hinterher. In Deutschland, aber auch auf der Welt.

So geht man in der Gesellschaft von einer Quote von fünf bis zehn Prozent Homosexueller aus. Demnach müsste in den deutschen Profiligen aktuell 80 bzw. 160 schwule Fußballer spielen. In der Öffentlichkeit geoutet ist aber: niemand. Stimmt es also, dass es im Fußball einfach keine schwulen Spieler gibt?

Abgesehen davon, dass es keinerlei Grund gibt, warum ein Homosexueller schlechter Fußball spielen sollte, zeigen Einzelfälle das Gegenteil. Der genannte Thomas Hitzlsperger eben, der sich erst nach seiner Karriere outete. Oder auch Spieler aus anderen Ländern, wie Andy Brennan aus Australien oder Robbie Rodgers, der nach seinem Outing 2013 noch vier Jahre für LA Galaxy spielte. 

Einen offen schwulen Profi in den deutschen Ligen gibt es aber nicht. Auch wenn Marcus Urban, selbst ehemaliger Semi-Profi und heutiger Diversity-Coach, im nullzueins-Interview sagt: „Ich kenne ich ein paar Namen. Bei dem einem oder anderen habe ich das durch meine Arbeit natürlich mitbekommen. Darunter sind echte Weltstars.“ (Das ganze Interview lest ihr morgen bei nullzueins

Woran liegt es also? An den Medien? Oft heißt es, die betroffenen Spieler fürchten einen „Spießrutenlauf“, sie hätten Angst vor den Boulervardblättern, die ihr Privatleben auseinander nehmen könnten. Oder sind es die Fans? Schließlich gilt „schwul“ noch für einige Menschen als Beleidigung und das Fußballstadion ist eben ein Epizentrum der Beleidigungen und Beschimpfungen. Andererseits gibt es mittlerweile zahlreiche schul-lesbische Fanklubs, die für das Thema sensibilisieren wollen. Angefangen hat das mit Fanklub „Hertha-Junxx“ im Jahre 2001.

Außerdem engagieren sich Vereine und Faninitiativen für einen toleranteren Umgang im Fußball – sowie natürlich auch der DFB. Fritz Keller, der aktuelle DFB-Präsident, nimmt die Sache ernst, will es „rausschreien“, wie er kürzlich in der ARD sagte. Behauptet wurde das beim DFB aber schon oft. Marcus Urban, der selbst für den DFB gearbeitet hat, sagt: „Es reicht noch nicht aus“. Gegenüber nullzueins ergänzt er: „Theo Zwanziger war sehr fortschrittlich, hat uns wertgeschätzt. Und er meinte, dass er viel von mir gelernt hätte.“ Mit dem Abgang Zwanzigers sei das Thema beim DFB aber „verschwunden“.

Was kann der DFB besser machen? Wie fühlt sich das „Versteckspiel“ für einen schwulen Fußballer an? Und wie könnte ein Outing die Karriere sogar ankurbeln? All das lest ihr morgen in unserem Interview mit Marcus Urban!

Außerdem erwarten euch diese Woche noch: Wie sieht es mit Homosexualität im Frauenfußball aus? Und wie geht man in anderen Sportarten damit um?

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