In die Tiefe

Degerfors IF: „Hier kommt die Arbeiterklasse“

In Schweden hat der Degerfors IF gerade den Aufstieg in die erste Liga geschafft. Der linke Kleinstadtklub will erfolgreich sein, obwohl er sich gegen die Mechanismen des modernen Fußballs stellt. Und: Latte-Macchiato trinken ist hier eher verpönt.

In Schweden hat der Degerfors IF gerade den Aufstieg in die erste Liga geschafft. Der linke Kleinstadtklub will erfolgreich sein, obwohl er sich gegen die Mechanismen des modernen Fußballs stellt. Und: Latte-Macchiato trinken ist hier eher verpönt.

Nur rund 7000 Einwohner*innen wohnen in Degerfors, irgendwo im Niemandsland von Schweden. Die kleine Ortschaft ist von allen Großstädten ein paar hundert Kilometer entfernt. In Degerfors sind vor allem zwei Dinge wichtig: das Stahlwerk und der Fußballklub. 

Der Degerfors IF schaffte kürzlich nach 23 Jahren Abstinenz den Wiederaufstieg in die erste schwedische Liga. Früher reichte es mal für den Pokalsieg in Schweden und in der Folge für die Qualifikation zum Cup der Cupsieger, dem Vorläufer der Europa League. Von dem Spiel gegen den AC Parma, indem Degerfors bis kurz vor Schluss 1:0 führte, dann aber doch noch verlor, erzählt man sich heute noch. Zweimal wurde der DIF außerdem Vizemeister in Schweden, das ist nun aber schon fast 60 Jahre her. Jetzt greift Degerfors wieder oben an – gegen den Trend des modernen Profisports. 

„In Degerfors ist es keine Schande, Kommunist zu sein – im Gegenteil.“

Ultra Joakim Karlsson

Denn der Erfolg kommt nicht etwa durch einen Scheich oder einen großen Investor. Und da spielt auch keine zusammengekaufte Mannschaft mit dem oder der x-ten Trainer*in im hochmodernen Fußballstadion. Nein, das mittlerweile marode Stadion „Stora Valla“ wurde 1938 eröffnet und gilt als sportliche Gedenkstätte. Es fasst 7.500 Zuschauer*innen, hat aber nur 800 Sitzplätze. In der kommenden Saison erwartet der Klub die halbe Stadt im Stadion.

Der Zeugwart ist 55 Jahre im Amt, die Trainer Tobias Solberg und Andreas Homberg machten zusammen 679 Spiele für den Klub und auch der Sportlicher Leiter Patrick Werner ist schon seit 2008 mit dabei. Bis auf den US-Amerikaner Jeff Gal sind alle Spieler im Kader Schweden, einige kommen aus der eigenen Jugend oder aus der Umgebung. 

In Degerfors ist man stolz auf den Status als Arbeiterverein, auf das einfache Leben zwischen Stahlwerk und Fußballklub. Die Kleinstadt wird von der linken Partei regiert, bei den Kommunalwahlen 2010 kam sie mal auf 48,6 Prozent. „Matto“, einer der Mitgründer der nach den Vereinsfarben benannten Ultras „Rossobianco“, sagt der Tageszeitung junge Welt: „Die Linkspartei hat hier seit Ewigkeiten die Mehrheit. Bis ins Jahr 2002 zierten Hammer und Sichel das Logo der Ortsgruppe.“ Und Joakim Karlsson, auch ein Urgestein der Ultras, ergänzt: „In Degerfors ist es keine Schande, Kommunist zu sein – im Gegenteil.“

Vom richtigen Bahnfahren und Latte-Macchiato-Trinkern

Die Einwohner*innen der Stadt sind genügsam. Alles was darüber hinaus geht, was sie für protzig oder elitär halten, mögen sie nicht. So gestand der ehemalige DIF-Trainer Tord Grip im Fernsehen, hin und wieder in der ersten Klasse mit dem Zug nach Degerfors anzureisen, dann aber am Ziel aus einem Wagon der zweiten Klasse auszusteigen. Das Risiko, unangenehm aufzufallen, sei sonst zu groß. Beim Auswärtsspiel gegen Hammarby IF, einem traditionellen Stockholmer Arbeiterverein, brachten die Fans ein Banner mit, das die Aufschrift trug: „Hallo Latte-Macchiato-Trinker! Hier kommt die Arbeiterklasse“.

Degerfors will ein Vorbild für Schweden sein – auch in Sachen Gleichberechtigung. Die Klubchefin hier ist eine Frau, Suzanne Hällström. Im schwedischen Profifußball gibt es nicht viele weibliche Führungsfiguren. Dem modernen Fußball werde man sich nicht hingeben, meint sie. Und Ultra Joakim Karlsson sagt: „Alle hier wissen, was wir an dem Verein haben. Die Leute kommen nicht ins Stadion, um einen ehemaligen Starspieler zu sehen, sondern den Sohn der Nachbarin.“

Mehr zum Degerfors IF findet ihr in der aktuellen Ausgabe des ballesterer-Fußballmagazins.

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