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Concussion Protocol light

Die IFAB beschließt eine Testphase um neue Regelungen für einen besseren Schutz bei Gehirnerschütterungen zu erproben. Vorbild dabei ist das in der NFL bekannte Concussion Protocol.

Die schrecklichen Szenen von Mark Uth in Augsburg, hat noch jeder vor Augen. Die Stimmen für ein neues Regelwerk bei Gehirnerschütterungen, wurden danach verständlicherweise wieder laut. Die IFAB beschloss nun eine Testphase, die mehr Sicherheit bei Kopfverletzungen bringen soll. Vorbild dabei, das Concussion Protocol der amerikanischen NFL.

Nur wenige Minuten waren gespielt, als Mark Uth im Kopfballduell mit Felix Uduokhai zusammenprallte. Dieser traf den Ball, Uth dagegen nur den Kopf des Augsburgers. Die Zeitlupe offenbarte, dass Uth noch in der Luft das Bewusstsein verlor und unkontrolliert auf dem Boden aufschlug. Sofortige Spielunterbrechung. Der Schalker sollte die Nacht im Krankenhaus verbringen. Ihm geht es glücklicherweise wieder gut.

Hier war der Fall klar, dass Spiel musste unterbrochen werden, schließlich war Uth nicht bei Bewusstsein. Doch häufig erleiden Spieler*innen auch Gehirnerschütterungen, bleiben aber bei Bewusstsein und spielen weiter. Prominentes Beispiel ist hier Christoph Kramer im WM-Finale 2014. Nach einem Zusammenstoß mit Argentiniens Garay, ging er zu Boden und musste medizinisch behandelt werden. Er kehrte aber rasch wieder zurück aufs Spielfeld. Dass er dort nicht mehr viel verloren hatte, zeigte sich im Gespräch mit dem damaligen Schiedsrichter Nicola Rizzoli.

Im Interview mit der Gazetto dello Sport erzählte Rizzoli: „Kurz nach der Attacke von Garay kam Kramer zu mir und fragte, ob dies das WM-Finale sei“. Rizzoli hielt die Frage für einen Witz. Kramer soll dann aber noch einmal nachgefragt haben. Als Rizzoli ihm seine Vermutung bestätigte, sagte Kramer:“Danke, das war sehr wichtig für mich.“
Rizzoli ging daraufhin zu Bastian Schweinsteiger und riet diesem ihn auswechseln zu lassen. Nach 31. Minuten war Christoph Kramers Finaleinsatz schließlich beendet, er sollte sich später an keine Minute davon erinnern können.

Wochen später ging ein Video des Sportstudios viral, in dem sich Kramers Nationalmannschaftskollegen über seine Verwirrung im Spiel lustig machten. Kein Problem, Kramer ging es schließlich gut. Medizinisch gesehen war sein Weiterspielen aber höchst bedenklich. Experten warnen hier vor einem sogenannten „Second Impact Syndrom“. Das heißt wenn man mit Gehirnerschütterung weiterspielt und einen weiteren Schlag auf den Kopf bekommt, riskiert man schwere Verletzungen, bis hin zu Hirnschwellungen, die im schlimmsten Fall zum Tod führen können.

Genau hier setzt nun die neue Regelung der IFAB (International Football Association Board) an. Zukünftig sollen die Mannschaften einen zusätzlichen Wechsel erhalten, wenn ein/e Spieler*in mit Verdacht auf Gehirnerschütterung behandelt wird. Dies soll verhindern, dass der*die Spieler*in zu früh wieder aufs Spielfeld geschickt wird und damit schwerere Verletzungen riskiert werden.

Die IFAB erprobt in der Testphase zwei verschiedene Varianten einer neuen Regelung:

  1. Liegt ein Verdacht auf eine Gehirnerschütterung vor, ist pro Mannschaft ein zusätzlicher Wechsel möglich, der nicht auf das ursprüngliche Wechselkontingent angerechnet wird. Sprich auch wenn man sein Kontingent schon ausgeschöpft hat, wird es möglich sein eine*n Spieler*in mit Symptomen auszuwechseln.
  2. Unter den genannten Umständen sind pro Mannschaft zwei zusätzliche Auswechslungen möglich. Jedes Mal bekommt dann das gegnerische Team ebenfalls einen weiteren Wechsel. Das soll mögliche sportliche Nachteile ausgleichen und einen Missbrauch der Regel unattraktiver machen.

Durch die Testphase soll nun herausgefunden werden, welche der beiden Varianten sich in der Praxis besser bewährt. Außerdem muss natürlich ergründet werden, ob die Regelungen wasserdicht gegenüber Missbrauch sind. Niemand will schließlich sehen, dass jemand eine Gehirnerschütterung simuliert, nur damit die eigene Mannschaft einen zusätzlichen Wechsel erhält.

Die nationalen Verbände und Ligen können nun am Testbetrieb teilnehmen. England will dies rasch umsetzen. Die DFL schrieb auf Twitter:

Einen Haken hat die neue Regelung aber trotzdem, denn die Experten der IFAB haben sich dafür ausgesprochen, dass die Teams die Entscheidung treffen sollen, ob ein Spieler wegen Symptomen ausgewechselt wird. Die NFL geht hier einen anderen Weg. Beim Concussion Protocol bestimmt ein*e neutraler Mediziner*in ob ein*e Spieler*in weitermachen darf oder nicht. Die IFAB begründet ihre Entscheidung einen solchen nicht zu implementieren damit, dass man ein Regelwerk stellen müsse, dass nicht nur auf Profiebene funktioniere sondern auch in den Kreisligen. Dort könne man schließlich nicht bei jedem Spiel eine*n neutrale*n Mediziner*in stellen.

Doch wäre es für die Profiligen, wo ein*e solche*r neutrale*r Mediziner*in auch vorstellbar wäre, anzuraten die Regel anzupassen. Denn gerade in enorm wichtigen Spielen, wie etwa das im Beispiel mit Christoph Kramer angesprochene WM-Finale, ist es geradezu fahrlässig dem Teamarzt die Entscheidung zu überlassen ob ein Spieler ausgewechselt werden soll oder nicht. Ein WM-Finale spielen die meisten nur einmal in ihrem Leben, dem Teamarzt dann die Verantwortung zu überlassen, dieses frühzeitig zu beenden, bringt diesen in eine schwierige Position. Eine neutrale Person könnte hier ein viel besseres medizinisches Urteil fällen.

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