In die Tiefe

Das Trainerkarussell

Bei Borussia Dortmund läuft es sportlich nicht wie gewünscht. So muss Trainer Lucien Favre ein halbes Jahr vor Vertragsende gehen, obwohl er nach Punkten der beste BVB-Trainer aller Zeiten ist. Wann sollte ein Klub an einem Trainer festhalten – und wann nicht?

Bei Borussia Dortmund läuft es sportlich nicht wie gewünscht. So muss Trainer Lucien Favre ein halbes Jahr vor Vertragsende gehen, obwohl er nach Punkten der beste BVB-Trainer aller Zeiten ist. Wann sollte ein Klub an einem Trainer festhalten – und wann nicht?

Nächsten Sommer, vermuteten viele, wäre der Vertrag von Lucien Favre in Dortmund sowieso nicht verlängert worden. Zwar ist man in Dortmund grundsätzlich zufrieden mit der Arbeit des Schweizers, nur einen Titel würden sich die Verantwortlichen mal wieder wünschen. Der letzte war der Sieg des DFB-Pokals 2016, damals noch unter Thomas Tuchel. 

Mit Lucien Favre gelang höchstens die Vizemeisterschaft. Immer wieder hatte er beim BVB mit Rückschlägen zu kämpfen, er fand aber auch immer wieder eine Antwort. Aktuell stehen die Borussen mit 19 Punkten aus elf Spielen auf dem fünften Tabellenplatz. In der Champions League sind sie relativ souverän als Gruppenerster ins Achtelfinale eingezogen, im DFB-Pokal haben sie noch alle Chancen. 

Favre geht als bester BVB-Trainer

Trotzdem bezeichnete die Vereinsführung die Saisonziele als „gefährdet“ und beurlaubte Favre – nach elf Spielen. Obwohl Favre mit 2,09 Punkten im Durchschnitt der Beste BVB-Trainer aller Zeiten ist. Vor Jürgen Klopp und auch hauchdünn vor Thomas Tuchel. 

Sollte man an seinem Trainer festhalten, wenn es sportlich nicht wie gewünscht läuft oder sollte man sich trennen?

Gründe für eine Trennung

Diese Frage ist natürlich nicht so einfach und eindeutig zu beantworten. Ein Trainer kann fachlich oder menschlich nicht auf der Höhe sein, die Mannschaft kann sich gegen ihn aussprechen oder die allseits beliebten „unterschiedlichen Auffassungen“ mit der Vereinsführung sind ein Grund für eine Trennung. 

Bei vielen der Entlassungen geht es aber vor allem um das sportliche Abschneiden. Die Titel kommen nicht wie gewünscht oder die Ligazugehörigkeit steht auf dem Spiel. Dann ist es schnell der Coach, der als erstes seinen Job los ist. 

Fußballlehrer-Präsident Lutz Hangartner sagt dazu: „Ich habe immer wieder Manager dafür kritisiert, dass sie sehr schnell bereit sind, den Trainer zu opfern. Und das vor allem in Situationen, wo die Manager selbst maßgeblich an der Zusammenstellung des Spielerkaders beteiligt waren. Wenn es dann aber hart auf hart kommt und die Punkte ausbleiben, waschen viele Bundesliga-Manager schnell die Hände in Unschuld und schieben dem Trainer die Verantwortung dafür zu.“

Oft stehen die Manager selbst unter Druck, müssen handeln. Und dann muss der Coach gehen. Schließlich ist das einfacher, als die halbe Mannschaft auszutauschen. Die sportliche Leitung erhofft sich eine Besserung, einen „neuen Impuls“, jemanden, der neue Ideen hat, ein anderes Training, eine andere Philosophie. Für Mannschaften, die sich in einem Tief befinden, kann das ein Neuanfang sein, der den Kopf frei macht. Auch die Motivation steigt, weil sich die Spieler neu beweisen müssen. 

Trainerwechsel bringen nichts

Langfristig bringt ein Trainerwechsel aber nichts. Zumindest sagt das die Statistik. Andreas Heuer und Kollegen von der Uni Münster haben 2011 etwa 150 Trainerentlassungen zwischen 1963 und 2009 analysiert. Das Ergebnis: Die betroffene Mannschaft spiele den Rest der Saison genauso gut oder schlecht wie ohne Trainerwechsel. 

Zwar würden die Mannschaften nach einem Trainerwechsel leicht besser abschneiden, das sei aber genauso bei den Teams der Fall, die sich nicht von ihrem Trainer trennen. Eine Mannschaft könne nämlich nicht dauernd nur Pech haben, nach einer gewissen Zeit geht der Trend von ganz allein wieder nach oben. 

Wer geduldig genug ist, muss seinen Trainer also nicht entlassen. Trotzdem passiert es – und das immer schneller. Früher saßen Thomas Schaaf, Otto Rehagel oder Volker Finke 14 oder 16 Jahre auf der Bank, heute ist Christian Streich mit acht Jahren beim SC Freiburg schon eine echte Ausnahme. Auf der Liste der dienstältesten aktuellen Bundesliga-Trainer folgt auf Streich Florian Kohfeldt mit rund drei Jahren. 

Hochgelobt und tief gefallen

Der Coach des SV Werder Bremen führt uns gleich zu zwei weiteren interessanten Aspekten rund um das Trainerkarussell. Zuerst einmal ist er einer der Trainer, die in einer Saison hochgelobt wurden, nur um dann in der nächsten Saison kurz oder eben nicht nur kurz vor dem Aus zu stehen. 

So zum Beispiel Domenico Tedesco. Der Deutsch-Italiener übernahm zur Saison 2017/18 Schalke 04 und führte es zur überraschenden Vizemeisterschaft sowie ins Halbfinale des DFB-Pokals. Ein knappes Jahr später war er seinen Job wieder los, weil es sportlich nicht wie gewünscht lief. 

Oder Friedhelm Funkel. Der wurde 2019 von Sportjournalist*innen zum zweitbesten Trainer des Jahres gewählt – hinter Jürgen Klopp. Dann, Anfang 2020 musste auch er gehen. Und zu guter Letzt eben Florian Kohfeldt, der Trainer des Jahres 2018. Auch bei ihm hatte es in der vergangenen Spielzeit Diskussionen um eine Entlassung gegeben, schließlich retteten sich die Bremer erst in der Relegation vor dem Abstieg. 

„Es ist verrückt“, sagt Lutz Hangartner vom Trainer-Bund, „Diese Leute erarbeiten sich ein enormes Standing, und wenn im Alltag die Punkte fehlen, soll alles Makulatur sein.“ Das „fatale“ am Fußballgeschäft sei auch: “Wer erfolgreich startet, wird direkt in besondere Höhen gehoben. Und dann ganz schnell fallen gelassen.“ 

Werder wendet sich gegen den Trend

Werder-Sportdirektor Frank Baumann und Präsident Marco Bode stärkten Kohfeldt jedoch immer wieder den Rücken. Nach dem gelungenen Restart im Mai sagte Bode: „Wir haben uns gegen diesen Druck zur Wehr gesetzt und sind jetzt alle zusammen als Klub ein Stück weit belohnt worden.“

Der Druck, den Bode anspricht, kommt aus der Öffentlichkeit. Und von dem haben sich die Verantwortlichen in Bremen nicht beeinflussen lassen. Hangarnter findet das gut: „Das immer nur an den Punkten oder dem Tabellenplatz festzumachen, ist falsch. Deshalb ziehe ich vor Werder den Hut, dass es dort die Bereitschaft gibt, an einem Trainer festzuhalten, von dem man überzeugt ist.“

Fans und Medien machen Druck

In der Bundesliga ist das aber immer noch die absolute Ausnahme. Denn: Verantwortlich für eine Trennung vom Coach ist oft der öffentliche Druck aus den Medien und von den Fans. Auch das legt die Trainer-Studie aus Münster nahe. Die beiden Spiele vor einer Trainerentlassung würden statistisch gesehen besonders schlecht laufen. Logisch, dass nach einem Debakel, wie es Lucien Favre beim 1:5 am Wochenende gegen den VfB Stuttgart erleben musste, Medien und Fans besonders auf der Matte stehen. 

In Bremen oder auch in Freiburg spricht man oft von einem ruhigen Umfeld. Die Verantwortlichen können hier entspannter arbeiten, die Fans sind geduldiger. In anderen Klubs ist das nicht so – und dann ist die sportliche Leitung schnell unter Druck, Taten folgen zu lassen. 

Geduld kann sich lohnen

Trainer haben es also sehr schwer im Fußballgeschäft, gerade heutzutage. Ein Trainerwechsel ist immer eine Frage des Einzelfalls. Entspricht der Trainer nicht den Anforderungen der Vereinsführung, ist eine Trennung sicherlich sinnvoll. Geht es aber nur um die sportliche Situation, wie vermutlich bei Lucien Favre und dem BVB, könnten manche Vereine ein wenig geduldiger sein – es könnte sich auszahlen. 

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